21.6.2025 Nimm 2?

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In der Sekundarschule hatten wir eine Bibliothek, die an 2 Tagen der Woche geöffnet war – einmal für die “Kleinen”, einmal für die Oberstufe. Für mich hiess das oft:

Montags zwei Bücher holen, aber spätestens Donnerstag oder Freitag ohne Lesestoff da zu stehen …

Zum Glück hatte ich damals eine Geschichtslehrerin, die mich förderte: Fräulein Hauri (ja, das hiess damals noch so) gab mir einen zusätzlichen Bibliotheksausweis für die Oberstufe, unter der Bedingung, dass ich damit Biographien auswählte, oder Bücher, die mit Geschichte zu tun hatten.

Hello Ivanhoe und Co: Ihr habt meine Kindheit bereichert!

Am Gymnasium war es der Englischlehrer, Mr. Honold, der mir eine zweite Bibliothekskarte besorgte. Hier gab es zwar keine Altersgrenze, aber die Ausleihe war auf zwei Bücher aufs Mal limitiert. Auch er knüpfte das Ganze an Bedingungen: Die Bücher der zweiten Karte mussten auf Englisch sein, und ich durfte bei der Lektüre kein Wörterbuch benutzen, sondern sollte lernen, die Geschichte aus dem Zusammenhang zu verstehen.

Enter Agathe Christie und Edgar Wallace:

Ich las mich von links nach rechts durch deren Gesamtwerk und erbettelte ein einziges Mal die Erlaubnis, das Wörterbuch doch noch benutzen zu dürfen. Den Titel “Ordeal by Innocence” hatte ich auch nach der vollständigen Lektüre nicht verstanden …

Während meines Auslandjahres in Schottland unterrichtete ich an zwei Schulen und hatte damit auch Zugang zu zwei Bibliotheken. Zusammen mit der Möglichkeit, an sämtlichen Schulaktivitäten teilzunehmen bzw. diese aktiv mitzugestalten, wurde es mir auch da nicht langweilig.

Fast forward ein paar Jahre:

Als ich nach Zurzach zog, wurde ich Mitglied der Fleckenbibliothek, und holte mir regelmässig meine zwei Bücher ab. Das änderte sich erst, als ich wieder in Zürich zu arbeiten begann: Die Öffnungszeiten passten nicht mehr zu meiner Tagesplanung, zudem las ich wieder vermehrt Fachbücher, und die meist online.

Nun, da ich pensioniert bin und nur noch vereinzelte Freelance-Aufträge annehme, habe ich mich wieder bei der Bibliothek angemeldet und bin sogar Mitglied des Vereins geworden, da diese auch ab und zu Lesungen organisieren.

Aber kaum hatte ich die ersten Bücher geholt, gelesen und wollte sie gegen neue umtauschen, wurde ich informiert, dass die Bibliothek während der Sommerferien geschlossen sein wird, wegen Malerarbeiten.

Mein erschrecktes «Aber zwei Bücher reichen nie und nimmer bis August» quittierte die Bibliothekarin mit einem Stirnrunzeln. «Wieso nimmst du dann nicht einfach mehr mit?» Ich, die ich innert Sekunden zur 12-jährigen mutiere, mit staunend aufgerissenen Augen:

Ja, darf ich das denn?????

Stellt sich heraus: Diese komische «Nimm-zwei-Regel» gibt es gar nicht, oder jedenfalls nicht mehr. Ich darf so viele Bücher aufs Mal ausleihen, wie ich will! Und komme damit meinem Traum, mich in einem Bücherladen über Nacht einschliessen zu lassen, schon erstaunlich nahe.

«Ab 15 würde ich vielleicht eine Grenze ziehen», meint die Bibliothekarin belustigt, als ich losziehe, als hätte Charlie seine Schokoladenfabrik extra für mich geöffnet.

Ganz so viele sind es dann doch nicht geworden. Aber doch drei herrlich dicke Schmöker, in drei Sprachen. Und spätestens am 4. Juli hole ich mir noch Nachschub – das ist der letzte Tag vor der Sommerschliessung.

Die Leseratte in mir jubelt im Quadrat.

PS Gerade gesehen:
Fräulein Hauri und Mr. Honold wären stolz auf mich! Ich habe eine Biografie und etwas auf Englisch mitgenommen 🙂

 

 

 

Ein Gedanke zu „21.6.2025 Nimm 2?“

  1. Du bist offensichtlich keine Leseratte, Du bist ein Leseelefant- Fahr weiter so und bald sind unsere Bibliotheken zu klein oder “ausgeschöpft”.

    Daddy

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