Achtsamkeit

Bye-Bye, Supersize!

Vor 2 Jahren kam ich aus dem Spital nach Hause, nach der Magen-Bypass-OP, und war, obschon noch etwas lädiert, euphorisch: Bereits im Spital schmolzen die ersten Pfunde, ich hatte keinen Hunger, aber erstaunlich viel Power, obschon ich mich noch schonen sollte. Ich hielt mich brav an die Vorgaben der Ernährungsberatung, spazierte 3x täglich ums Quartier, wegen der Thromboseprophylaxe, und begann schon bald wieder mit meiner Arbeit – als Schreibtischtäterin konnte ich das gut, ohne das Hebeverbot (max. 5 Kg) zu missachten. Mit Staunen nahm ich zur Kenntnis, wie mein Körper aus wenigen Esslöffeln vorwiegend eiweissreicher Nahrung, gekoppelt mit je einer Vitamin- und Kalziumtablette täglich, die Kraft erhielt, zu funktionieren – und die Reserven wirksam anzugraben.

Ich entdeckte das Essen neu:

Vieles hatte ich seit meiner Ernährungsumstellung von 2003 schon richtig gemacht. Neu war nun, dass die Veränderung nicht nur im Kopf stattfand, sondern dass in meinem Körper einiges neu kalibriert wurde. Das brachte den ganzen Hormonhaushalt erst einmal tüchtig durcheinander – meine Ernährungsberaterin meinte, es sei ähnlich wie bei einer Schwangerschaft. Obschon ich darauf vorbereitet worden war, war ich verblüfft, was dann alles abging: Nicht nur, dass ich keinen Hunger mehr hatte, auch meine Gelüste und mein Geschmacksempfinden hatten sich völlig verändert. Gewisse Änderungen wirkten nur Tage oder Wochen, andere halten bis heute an: Vieles ist mir zu süss, ich benötige weniger Salz und Gewürze und habe seltener Lust auf Snacks zwischen den Mahlzeiten. Die Mengen sind natürlich wieder grösser geworden und entsprechen jetzt ca. einem Seniorenteller. Bei guter Wahl passt sogar ein Salat oder eine Suppe dazu.

Ich entdeckte die Lust an der Bewegung neu:

Die Thromboseprophylaxe-Spaziergänge (huch, das wäre ein Wort für Scrabble) dehnten sich zu Walks aus, die Pflicht wandelt sich zu Kür. Ich begann mich, nach langen Tagen am Computer, richtig nach Spaziergängen und Walkingtouren zu sehnen; ging zu Fuss, wo ich früher Tram oder Lift genommen hatte; verabredete mich für Ausflüge, wo ich früher ein Buch gezückt hatte. Es gab immer mehr Tage, an denen ich schmerzfrei war, trotz meiner Kniearthrose, und seit der OP hatte ich nur 2 Asthmaanfälle. Nur wenn ich es übertreibe oder wenn die Ozonwerte dauerhaft hoch sind, motzen die Gelenke, und ich muss etwas runterfahren – oder auch ausnahmsweise mal wieder eine Schmerztablette nehmen.

Ich experimentiere mit der Mode:

Zwar kaufte ich vor allem am Anfang nur günstige Kleider oder im Ausverkauf, da ich ja wusste, dass ich schnell wieder Neue brauchen würde – aber es machte extrem Spass! Quergestreiftes? Warum nicht? Spontan in einen Laden – und tatsächlich etwas finden? Überrascht mich noch heute! Immer mehr fand ich auch den Mut, tatsächlich in Läden zu gehen und nicht nur online einzukaufen … Jahrelang hatte ich das gemieden, weil ich die abschätzigen Blicke und bösen Kommentare  nicht ertrug. Heute habe ich allenfalls das Problem, dass ich zu grosse Sachen mit in die Umkleidekabine nehme. Seit ca. einem Jahr trage ich meistens Grösse 42 (je nach Schnitt), mein BMI liegt knapp unter 30.

Was sich nicht verändert hat:

Meine Lust am Kochen und Geniessen. Ich experimentiere nach wie vor gerne, wobei ich natürlich darauf achte, möglichst eiweissreiche Gerichte zu kreieren. Auch auswärts darbe ich nicht: Mit etwas Nachdenken lässt sich auf jeder Speisekarte etwas finden, was ich geniessen kann. Ich achte auf Qualitätsware und bevorzuge unverarbeitete Lebensmittel – da ich eher weniger benötige, kann es auch mal teurer sein. Ich esse sehr langsam (das war übrigens etwas vom Schwierigsten, was ich zu lernen hatte. Aber wenn nicht, merke ich das sofort, und es macht keinen Spas …), kaue gründlich und schmecke deswegen auch mehr Feinheiten als früher. Und wenn es zu viel ist, friere ich es ein (zuhause) oder lasse es zurückgehen (im Restaurant). So kann ich auch unbedenklich mit FreundInnen oder KundInnen essen gehen – etwas. was mir vor der OP Sorgen machte. Klar, in den ersten Monaten musste ich mich erklären, aber heute weise ich allenfalls beim Bestellen darauf hin, ich hätte keinen grossen Hunger, man möge doch die Beilage weglassen … Es gibt nicht’s was ich nicht mitmachen könnte. Meinen Humor und meine gute Laune habe ich die ganze Zeit nie verloren – vor allem auch deshalb nicht, weil ich nur sehr selten mit negativen Nebenwirkungen zu kämpfen hatte. Natürlich hatte ich zwischendurch mal zu schnell, zu fettig oder zu süss gegessen – und mein Körper signalisierte dann klar und deutlich, dass ihm das nicht behagte. Aber meist war das Problem nach wenigen Stunden gelöst. Ärztliche Unterstützung brauchte ich nie, meine Werte sind alle in Ordnung, wie die Kontrollen zeigen.

Also alles in Butter?

Jein … Im ersten Jahr nahm ich rasant ab – aber seit einem Jahr bin ich praktisch stabil. Zwar hatte man mich gewarnt, dass es bei meiner Vorgeschichte unwahrscheinlich sei, dass ich mehr als 65% des Übergewichts loswerden könnte, aber natürlich habe ich dennoch von mehr geträumt. Ganz kurz hatte ich Anfang Jahr auch die Sieben auf der Waage gesehen, aber seit Monaten dreht es sich wieder um die Acht. Und das, obschon ich seit Ende Mai wieder mehr trainiere und auch wieder regelmässiger und bewusster esse – aus privaten Gründen war das die ersten paar Monate des Jahres erschwert. Und ja, ich weiss, Muskeln sind schwerer als Fett, und es gefällt  mir auch, dass sich der Körper an sich wieder umgeformt hat und straffer geworden ist. Und doch: Ich habe die Jagd nach der 7  nicht aufgegeben!

Ab heute gilt: Es liegt an mir!

Ca. Anderthalb bis zwei Jahre nach der OP habe ich die selben Chancen und Risiken, mein Gewicht zu halten bzw. wieder zuzunehmen, wie Menschen, die nicht übergewichtig oder operiert sind. Diäten sind tabu, weil sie in den Jojo-Effekt  münden. Eine bewusste, eiweissreiche und fettarme Ernährung mit genügend Pausen zwischen den Mahlzeiten ist die Basis; kleine Sünden können durch mehr Bewegung abgefangen werden. Wenn es mir gelingt, noch etwas mehr Muskeln aufzubauen und regelmässig zu trainieren, sollte ich etwas mehr verbrennen, als bei meiner sonst doch vorwiegend sitzenden Tätigkeit der Fall ist. Damit liegt vielleicht sogar noch eine leichte Abnahme drin … Aus Studien weiss man, dass der Langzeiterfolg dann am grössten ist, wenn die Leute eng überwacht werden (was bei mir dank Halbjahreskontrollen gewährleistet ist), den Lebensstil konsequent ändern und in Bewegung bleiben. Was für mich heisst:

Wenn ich die verfl…. Acht los werden will, muss ich achtsam bleiben …

Lovey Wymann am Frauenlauf (c) Foto Spielmann

Lovey Wymann am Frauenlauf (c) Foto Spielmann

– und in Bewegung!

2 Gedanken zu „Achtsamkeit

  1. Hoy Irène,

    Jä gäu, 5 Minute a d’Ämme mache sech scho bezaut!

    Liebi Grüess

    Papi

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