Awakeri Railway, Neuseeland

Loveys rollendes Weihnachtsgeschenk

Damit wir nicht so schwer zu tragen haben, schenkten Bianca und Calum uns zu Weihnachten einen Ausflug mit Awakeri Rail: Auf rund 19 km stillgelegten Geleisen werden hier Touren mit modifizierten Golfcarts angeboten. Nach einer kurzen Sicherheitseinführung besteigen Bianca, Michael und Marion (Calums Mutter) unseren „Zug“ – Bianca amtet als Lokführerin. Das Steuerrad ist festgeschweisst, sobald der Schlüssel gedreht wurde, kann sie Gas geben oder Bremsen. Bei Kreuzungen mit der Strasse haben Autos, Fahrräder etc. Vorfahrt, gewarnt wird zudem vor Kühen auf den Schienen. Am frühen Morgen könnten es aber auch Hirsche sein …

Die Geleise führen durch Farmland, einem Fluss entlang und durch den Busch. Einen ersten Stop gibt’s bei einer Geflügelfarm. Paul, unser Guide und Initiant der Anlage, hat hier einen Kessel mit Mais deponiert, was die Viecher genau wissen. Kaum trudeln wir mit unseren Carts ein, sausen die alle runter zu den Geleisen, um sich füttern zu lassen. Die fressen aus kleinen Schalen oder picken einem die Körner aus der Hand – und lassen kein Körnchen übrig. Kaum legt Paul den Deckel auf den Kessel, watscheln alle gemeinsam zurück zum Haus. Putzig!

In der Ferne sehen wir die Walinsel. Paul erzählt uns, dass einer Maori-Geschichte nach ein Schamane, der in der Gegend von Whakatane gelebt habe, diese hergebracht haben sollte. Der Schamane sei sehr mächtig gewesen, habe grosse Magie besessen und viel Gutes bewirkt – aber leider oft auch Schabernack getrieben, in dem er mit dem Wetter rumspielte oder, noch schlimmer, Leute verfluchte. Die Leute beschlossen, ihn loszuwerden, und versuchten es mit einer List: Einige Männer erzählten rum, dass sie zur White Island paddeln wollten (etwas 50 km von Whakatane), um dort einen Fisch zu fangen, von dem sie wussten, dass der Schamane ihn leidenschaftlich gerne ass. Natürlich wollte dieser unbedingt mit, und sie willigten ein, ihn mitzunehmen. Als sie nach langem Paddeln endlich ankamen, ging der Schamane gleich auf Fischfang. Die anderen aber schlichen, kaum war er beschäftigt, zurück zum Kanu und paddelten, so schnell sie konnten, zurück Richtung Whakatane. Als der Schamane realisierte, dass die anderen abgehauen waren, beschwor er mit einem mächtigen Zauber einen Wal herbei, auf dessen Rücken er den anderen nachritt. Ob und wie er sich an ihnen rächte, hat Paul nicht erzählt – nur, dass er den Wal in eine Insel verwandelte, direkt vo der Küste, wo alle sie immer sehen konnten. Als Warnung, was passiert, wenn man einen Schamanen ärgert.

Nächste Stopp ist im White Pine Bush Reserve: Hier stehen einige der wenigen verbliebenen Kahikatea-Bäume: bis zu 600 Jahre alte Riesen, deren Holz früher für Butterfässer und Käsetransporte geschätzt wurde. Im Reservat gibt es die riesigen Farne, die mir in den letzten Tagen schon aufgefallen sind, die einen Hauch Jurassic Park verbreiten. Hier wachsen aber auch etliche Heilpflanzen, insbesondere Kawakawa oder Rauschpfeffer, das gut für die Verdauung sein soll, aber auch als Stimmungsaufheller dient. Um die am besten wirkenden Pflanzen zu finden, wählt man einfach jene, deren Blätter am meisten Löcher aufweisen: offenbar wissen Käfer und Co genau, was gut ist!

Die Kahikatea-Bäume sind extrem eindrücklich: Wenn man an den Wurzeln steht, sieht man bei den wenigsten bis hinauf in die Krone. Aber auch die anderen Bäume hier sind offenbar extrem kräftig: Wir sehen einen Baum, der vor rund 50 Jahren umfiel, dann aber wieder ausschlug und nun 90° hochwächst – und bereits wieder einige Meter hoch ist.

fullsizeoutput_71b5In einem der Bäume kann man, mit etwas Fantasie, eine Fratze erkennen. Dabei handelt es sich angeblich um den Geist von Jack Kelly, einem australischen Aborigines mit Elefantosis, der hier bei den Gleisarbeiten als Tee-Boy gearbeitet haben soll. Der Ärmste hatte nicht nur ein völlig verzerrtes Gesicht, sondern auch einen Buckel und eine – wie Paul sagte – eingeschränkte Intelligenz. So kam es, dass er auf den Geleisen stand, als der Kranführer die schweren Metalle auf die Schwellen senken wollte, und von diesen erdrückt wurde. Zwa versuchten die Arbeiter noch, ihn  darunter hervorzuziehen, aber die Verletzungen waren zu schwer: Jack Kelly starb – allerdings erst, als er die Bahnlinie und die Arbeiter verflucht hatte, denn er war überzeugt, die Leute, die ihn immer gehänselt hatten, hätten ihn absichtlich erschlagen. Die Arbeiter fürchteten sich und beschlossen, Jack Kelly unauffällig zu entsorgen – in der Hoffnung, dass niemand etwas von seinem Tod erfahren würde, und dass der Fluch nur leeres Gerede war. Aber eben: Jack Kelly blieb an der Bahnlinie, wie er es angedroht hatte, und tauchte in besagtem Baum wieder auf.

Ebenso unerwünscht wie Jack Kellys Geist sind hier die Ratten und Wiesel. Paul, der sich stark im Reservat engagiert, zeigt uns eine der Rattenfallen, mit denen sie versuchen, der Plage Herr zu werden.

fullsizeoutput_71dfZurück auf den Geleisen ging es weiter bis Kilometer 13/14: Hier befindet sich ein schöner Picknickplatz, mit einem Gas-Teekessel für die Kaffee- und Teepause, sowie einem Plumpsklo, das allerdings bereits besetzt war, als ich es benutzen wollte …

Nach einigen weiteren Geschichten, vorwiegend über Prinz Charles, ging es weiter bis zum Wendepunkt. Paul fuhr seinen Wagen auf eine Drehschiene und stellte ihn nach links zur Seite, dann fuhren wir auf die Drehschiene, wurden um 180° gedreht und etwas zurück geschoben. Der dritte Wagen wurde ebenfalls gedreht, dann schob Paul seinen wieder an die Spitze. Einfach, aber effektiv.

Auf der Rückfahrt genossen wir die Landschaft, beobachteten Pferde, Kühe, Ziegen, Schafe, Schweine und Emus – und winkten den Leuten zu, die uns von den Farmen oder der Strasse her grüssten.

Für Michael, der nicht der grosse Redner ist, hat Paul zu viel gelabert … Ich aber genoss Fahrt und Geschichten. Und freue mich über das Souvenir, das wir von Paul erhielten: Eine Original Schwellenschraube.

Herzlichen Dank, Bianca und Calum, für das wunderbare Weihnachtsgeschenk!

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