Kanaren-Azoren, Tag 2: Lanzarote

Auf den Spuren von César Manrique

Der Künstler und Architekt César Manrique hat die kanarischen Inseln geprägt – und das weit über seine. Tod hinaus. Um das Erscheinungsbild der Insel zu schütze, hat er bereits 1968 durchgesetzt, dass das Aufhängen von Werbeplakaten verboten wurde; kurz darauf wurde auf seine Initiative hin ein Gesetz erlassen, das Bauten in Tourimuszentren  mit maximal 6 und in der Hauptstadt mit maximal 8 Stockwerken zuliesse. Zudem setzte er sich dafür ein, dass die Häuser traditionell weiss blieben (auch wenn längst Farbe anstelle des früheren Kalks getreten war), und dass Holz braun oder grün gestrichen wurde – früher eher eine Notlösung, denn diese Farben standen vom Schiffsunterhalt her ohnehin zur Verfügung.

Seine einzelnen Werke aufzuzählen führt hier zu weit, dazu gibt es online genügend Quellen. Deshalb hier einfach wieder mein subjektiver Tagesbericht:

Geweckt wurde ich etwas vor der geplanten Zeit, weil das Einlaufen (wie übrigens das Auslaufen gestern auch) auf der AidaVita recht laut verläuft. Die Fahrt in der Nacht war wohltuend leise, und das Schaukeln, welches das Gehen in der Kabine nicht immer einfach machte, fühlte sich im Bett wunderbar an. So ein wenig Wiegen-Feeling 🙂

Ich machte mich zurecht, füllte meinen Pokito mit Kaffee und stieg auf Deck 11, um den Tag zu begrüssen. Oben traf ich auf Rosetta, die schon im Flugzeug neben mir gesessen hatte, und wir gingen gemeinsam zum Frühstück. Sie hat schon unzählige Kreuzfahrten hinter sich und hat mir einige neue Anregungen gegeben.

Kurz nach acht war die Gangway montiert – eine ellenlange und recht wacklige Treppe zum Quasi, wo die Ausflugsbusse warteten. Entgegen meinen Erwartungen standen da nur 3 Busse. Offenbar zogen es die meisten Gäste vor, auf dem Schiff zu bleiben oder, wie Rosetta, einfach zum Strand zu gehen.

Mein Sitznachbar war ein älterer, leicht gebrechlicher und sichtlich aufgewühlter Herr. Er erzählte mir, dass eigentlich seine Frau unbedingt diesen Ausflug hätte machen wollen, dass sie aber krank geworden sei und zum Schiffsarzt habe gehen müssen. Dieser habe ihr ein Zeugnis ausgestellt, worauf deren Karte zurückerstattet wurde, aber seine nicht. Seine Frau hatte ihn dann offenbar gedrängt, dass er trotzdem mitfahre – wohl auch, weil er ihr ohnehin nicht hätte helfen können. Schnell merkte ich, dass er ohne sie recht hilflos war: Es schien, als ob sie immer alle Fäden in den Händen hielte, was er extrem zu schätzen scheint. Ich vermute, sie kann nicht anders: Ob wegen einer leichten Demenz oder aus anderen Gründen – er vergass immer wieder, was er mir schon erzählt hatte, stellte mehrmals die gleichen Fragen und zeigte mir nach jedem Halt voller Freude die kleinen Souvenirs, die er für seine Frau gekauft hatte. Immer alle, als würden wir uns eben erst begegnen. Wir beide kamen sehr gut miteinander klar: Ich dirigierte ihn jeweils unauffällig zurück zum richtigen Bus, er erzählte mir, dass er seit 1967 – oder war es 1966? – mit der selben Frau verheiratet sei, dass er damals nicht anders konnte, weil sie beide Weihnachtskinder seien (er hat am 24., sie am 25.12. Geburtstag). Dass sie deswegen jetzt auch auf dieser Kreuzfahrt seien, weil sich eines all die Jahre nicht geändert habe: Niemand komme zu ihrem Geburtstagsfest, weil alle Weihnachten feiern … Er war ursprünglich Tierarzt, hat sich dann zum Lebensmittelinspektor umschulen lassen (von Tierfutter auf Restaurant sei kein riesiger Unterschied) und habe deswegen auch viel reisen können: Offenbar war er im Auftrag von grossen Hotelketten weltweit unterwegs. Wobei auch da offenbar seine Frau eine wichtige Rolle inne hatte, denn sie spricht Englisch und Französisch, während er neben Deutsch nur Russisch kann.

Etwas verschämt zeigte er mir beim dritten Stopp, dass er sich auch etwas für sich gekauft habe – das werde er seiner Frau aber erst zu Hause zeigen, weil diese wohl schimpfen werde mit ihm. Sein Schatz war eine kleine Sardine aus Porzellan – Fische seien seine Leidenschaft, und er hat zu Hause oggenbar eine ganze Wand davon. Entsprechend freute er sich dann doch auf den Besuch bei den „Jameos del Agua“: In der Vulkangrotte leben Albinokrebse, die nur 1 oder 2 cm gross sind und normalerweise in viel tieferem Wasser vorkommen. Die Anlage, eines der Meisterwerke von Manrique, ist wunderschön  – und wäre wohl bei Nacht und mit weniger Menschen ein echt spirituelles Erlebnis. Die Konzerte, die hier gegeben werden, seien legendär – das Vulkangestein schafft offenbar eine perfekte Akkustik.

Dank meinem Klappstock meisterte ich übrigens auch die zahlreichen Stufen und das unregelmässige Gestein problemlos – das Ding ist Gold wert und kam später auch beim Wohnhaus von Manrique zum Einsatz, in dem heute ein Museum und eine Stiftung untergebracht sind.

Manrique hatte dieses seinerseits für sich gebaut, nachdem er das Land für 1 Peso kaufen konnte (rund 30’000 m2). Angetan hatte es ihm ein Feigenbaum, der mitten in der an sich öden Lavawüste wuchs, in einer von fünf Lavablasen, wie sich herausstellte. Diese baute er aus und nutzte sie als Wohnräume oder Lounges. Für die damalige Zeit völlig aussergewöhnlich verschmolz er Innen und Aussen – nicht zuletzt durch den Einbau von riesigen Fenstern, die er teilweise um Lavablöcke herum baute, so dass ein Teil davon drinnen, der andere draussen lag. Sehr eindrücklich! Offenbar konnte er sich selber aber gar nicht sooo lange an seinem Zuhause freuen: Dieses wurde in kurzer Zeit so berühmt, dass die Leute ihm ständig die Bude einrannten, so dass er es eben in ein Museum umwandelte und seine neue Residenz etwas weiter im Landesinneren, in Hora erbaute, wo er nach seinem Autounfall dann auch begraben wurde.

Wunderschöne Fotosujets lieferte auch der Kakteengarten von Manrique, der wie ein Amphitheater in die Lava gebaut ist. Ursprünglich wurden Kakteen hier auf der Insel gezüchtet, um Cochenille-Läuse anzuziehenden – deren Farbstoff war einer der wichtigsten Einnahmequellen. Aber bei knapp 90 Euro für 1 Kilo getrocknete Cochenille (dazu braucht es ungefähr 3 Kilo lebende Läuse) haben viele diese Arbeit aufgegeben – Peru und Mexiko liefert die nach wie vor begehrte Farbe inzwischen billiger. Im Kakteengarten gibt es – natürlich – keine Läuse, dafür tausende Kakteen und eine kleine Windmühle, in der früher Mais und Getreide gemahlen wurde.

Natürlich gab es auch den obligatorischen Souvernirstopp, wo wir Olivin- und Lavaschmuck hätten kaufen können, Replika des berühmten Manrique-Teufelchens oder der älteren Fruchtbarkeitsgöttin, welche von den ursprünglichen BewohnerInnen der Insel herstammt und offenbar immer noch sehr präsent ist.

Und – leider – gab es auch hier wieder die berüchtigten Stänkere: Mehrmals wurde mein freundlicher Herr zurechtgewiesen, er solle doch nicht bei jedem Einsteigen so ein Theater machen (er fand teilweise seinen Platz nicht oder diktierte mit mir, wer von uns beiden am Fenster sitzen sollte). Ich hätte die Leute gerne in den Senkel gestellt, habe es aber unterlassen, weil ihm das Ganze furchtbar peinlich war. Habe stattdessen abgelenkt … Aber ganz ehrlich: Eingien Menschen wünsche ich, dass sie später im Leben mal ihren eigenen Doppelgängern begegnen!

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Ein Gedanke zu „Kanaren-Azoren, Tag 2: Lanzarote

  1. Hallo Schnüff,
    Auch Lava hat offensichtlich seine schöne Seite und lässt sich gut verarbeiten. Gott sei Dank gibt es noch Menschen wie Manrique, die sich für die Schönheit der Umgebung einsetzten und für den Tourismus nicht alles verhunzen.

    Daddy

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