Kanaren-Azoren, Tag 5: Teneriffa

Oh du Selige …

Ihr Lieben, ich hoffe, ihr verzeiht mir, dass ich gestern das Hüttengaudi ausgelassen habe. Ich habe zuerst fein Znacht gegessen: schwarze Paella mit extra Garnelen, Spinat mit gerösteten Pinienkernen und Kefen mit Knoblauch; zum Dessert eine Art Milchreis mit Weinbeeren und Palmhonig und etwas Früchten. Dann ging ich ans Pooldeck, um ein paar Fotos zu schiessen. Aber statt blauweiss-kariert gab es da verschiedene Stationen mit bunten Schildern und schrägen Namen, umgeben von vielen Gläsern:

Vor dem Hüttengaudi sollte es ein Lasershaken mit den Offizieren geben. Die Leute konnten vorgängig Jetons kaufen, einen für 2 Euro 10, 6 für 10 Euro, danach sollte es eine Laserschow geben. Wenn ich das richtig verstanden habe, sollte später jener Offizier, der angestrahlt wurde, seine Drinks shaken und ausschenken. Und die Gäste konnten sich, gegen Jetons, bedienen. Und nein, das habe ich nicht mal abgewartet. Ich habe am ersten Abend erlebt, was hier einige Leute mit Alkohol anstellen, und mein Bedarf war gedeckt …

Also ging ich früh zu Bett – und war heute morgen entsprechend früh auf den Beinen, so dass ich das Einlaufen in Teneriffa auf Deck mitverfolgen konnte. Morgens um 6 war’s hier im Hafen schon 21 Grad warm – da hielt ich es sogar ohne Jacke aus. Der Hafen von Santa Cruz ist nicht sehr gross, dennoch standen da schon zwei andere Kreuzfahrtschiffe – ein drittes kam später noch hinter uns zu liegen.

Ich nutzte die frühe Stunde, um mal das gesamte Frühstücksangebot im Markt-Restaurant zu fotografieren. Das ist das grösste Restaurant an Bord. Einen Stock höher liegt Calypso, auch recht gross und ebenfalls Selbstbedienung, beim Pooldeck gibt’s einen Grillsnack, und im Sélection könnte ich mich, gegen Aufpreis, mit speziellen Menüs verwöhnen lassen.

Die Auswahl ist RIESIG, und ich staunte heute wieder, was ich alles entdeckte, was mir bis jetzt entgangen war: Zum Beispiel die grosse Auswahl an glutenfreiem Brot und Gebäck; die verschiedenen Milchsorten – von Sojamilch über Ziegenmilch bis hin zu laktosefrei; die riesige Müeslistation mit Nüssen, Früchten, Beeren, Quark, Joghurt etc., die Käse- und Aufschnitttheke, unter anderem mit grober, würziger Mettwurst (das gönnte ich mir heute, zusammen mit dem dunklen Kernenbrot, in das ich mich am ersten Tag verliebt habe); dann die gekochten Speisen: Eier in diversen Variationen, Porridge, warme Früchte, Hotdogs (!) … Für mich ist es wirklich kein Problem, mich eiweissreich und kalorienarm aber dennoch genussreich zu verpflegen! Und da ich mich doch recht viel bewege, liegt sogar die eine oder andere kleine Sünde drin 🙂

Bei meinem Fotorundgang entdeckte ich Rosette, die offenbar regelmässig sehr früh aufsteht, so dass wir wieder zusammen frühstückten. Sie unternimmt schon seit Jahren Schiffsreisen in alle Welt und ist eine unterhaltsame Gesprächspartnerin.

Um Acht musste ich kurz zum Ausflugsschalter. Ich hatte gestern erfahren, dass mein Ausflug für Las Palma mangels Teilnehmenden abgesagt wird – ich war die einzige, die sich für den Fotoworkshop angemeldet hatte. Nun habe ich einen Tagesausflug gebucht, auf dem noch Plätze frei waren, ohne genau zu wissen, was da alles dabei ist. Wird schon schief gehen!

Und dann war es auch schon Zeit, um meinen heutigen Ausflugsbus zu suchen. Nach Kunst und Natur hatte ich mir für heute Architektur und Genuss vorgenommen: Ein Spaziergang durch La Laguna, die alte Hauptstadt der Insel, die für ihre Architektur berühmt ist, mit Renaissance- und Barockbauten, anschliessend ein Besuch in einem der ältesten Weinkeller der Insel. Ich muss gestehen, ich bin etwas enttäuscht: Wir haben seinerzeit in Cusco schönere und gepflegtere Häuser aus dieser Zeit gesehen. Einzelne Details lassen zwar die alte Pracht erahnen, und mir gefiel auch die Art, wie einige Gebäude die alten Elemente, insbesondere die Verbindung von Holz und Stein neu interpretieren. Aber umwerfend war das nicht …

Unglücklicherweise hatten wir auch einen Reiseleiter, der sich weder mit der Architektur noch der Geschichte von Laguna wirklich auskennt, weil er normalerweise Führungen im botanischen Garten macht. Immerhin hat er uns wohl jeden einzelnen Drachenbaum der Region gezeigt, und ich weiss jetzt auch, dass die zu den Zwiebelgewächsen gehören, innen hohl sind und keine Rinde haben. Und falls jemand von euch einen übersäuerten Magen haben sollte (kann bei der Völlerei über die Festtage ja schon mal passieren) empfehle ich Papaya – frisch oder als Saft. Auch das habe ich heute von Toni gelernt.

Aufmerksam war er aber schon: Als er sah, dass die Kathedrale wegen der bevorstehenden Feiertage offen war (sonst bezahlt man da Eintritt, was in unserem Ausflug nicht eingerechnet wäre), legte er kurzerhand einen ungeplanten Stopp ein. Die Kirche ist in den letzten Jahren renoviert worden, wobei ein Grossteil der alten Pracht wieder hergestellt worden war – sehr Barock. Der Norden sei nach wie vor sehr religiös, es gebe hier auch noch mehrere aktive Klöster, die sich stark für die Renovation und den Unterhalt der Kathedrale einsetzten. Und Laguna ist Bischofssitz (wir warfen später auch einen Blick in den Innenhof des Hauses, wo der Bischof wohnt). Die Kirchenfenster wurden erst kurz nach 1900, beim letzten grossen Umbau, eingesetzt und haben mir sehr gut gefallen.

La Laguna ist Universitätsstadt und sei normalerweise recht belebt – nur sahen wir davon wenig, Die Häuser im historischen Kern sind gegen die Strassen dicht, mit den grossen Holzfenstern, die wahlweise innen oder aussen Läden haben. Das Leben spielte sich früher in Richtung Innenhof statt. Heute sind hier aber fast nur noch Büros drin. Zwei Innenhöfe durften wir besuchen, und hier zeigte sich etwas von der Pracht, die ich mit der Blütezeit der spanischen Architektur verbinde.

Als wir zur grossen Markthalle spazierten, erklang von der Kirche ein extrem lautes, aber auch ungewohntes Glockenspiel: Die läuteten „Stille Nacht“!

Die Markthalle war ein Aufsteller: Keine Touristenfalle, sondern ein Ort, wo die Einheimischen einkaufen. Mit allem, was dazugehört: Gemüse, Früchte, Fleisch, Fisch, Blumen, Kleidern, Kräutern etc. Und, etwas überraschend, mit lebendem Geflügel und Ziervögeln, von denen es meiner Meinung nach viel zu viele in den engen Käfigen gab. Ich kaufte mir zum Zvieri 3 kanarische Bananen, dazu zwei essbare Souvenirs und etwas Trockenfrüchte, ansonsten genoss ich einfach die Stimmung.

Die weitere Fahrt verlief quasi quer durch den Hals der Insel (Teneriffa sieht aus wie eine sitzende Ente), durch Strassen, die nicht wirklich für so grosse Busse gemacht sind. Wir fuhren vorbei an Rebbergen und Blumenfeldern (Teneriffa exportiert mehrmals wöchentlich Blumen nach Holland), an Orangenbäumen, deren Früchte keiner erntet (weshalb wir auch kein schlechte Gewissen zu haben brauchten, als wir unterwegs eine stibitzten). Obschon es bei uns leicht zu regnen begann (die Leute auf Gomera hätten sich darüber naturgemäss mehr gefreut, als wir das taten, hatten sie doch seit 5 oder 6 Monaten keinen Regen gesehen), war die Sicht auf den Tejde gut, so dass wir einen weiteren Fotohalt einlegten.

In der Bodega wurden wir mit Honigrum begrüsst und durften uns umsehen, während die Gastgeberinnen Wein und Tapas bereitstellten. Die älteste Flasche stammt hier von 1846, sehr viele sehr verstaubte Flaschen stehen herum – nicht mehr zum Trinken, sondern als Museum. Gekeltert wird hier aber nach wie vor.

Wir wurden an einen Tisch geführt, auf dem Pellkartoffeln mit Mojito standen (eine Paprikasosse, die sehr würzig bis ultrascharf sein kann), dazu Brötchen mit Käse, Schinken, Salami und Pikante. Und natürlich Wein: Je eine Flasche weiss, rosé, rot, Muskateller und Cava (Sekt). Alle ohne Jahrgang, was mich etwas überraschte – und leider das Ganze auch ohne irgendeine Erklärung. Ich habe von allen je einen Schluck probiert, der Weisse war sehr frisch und vermutlich sehr jung, ebenso wie der Rosé. Der Rote schien mir auch recht jung und trotz der dunklen Farbe überraschend leicht und fruchtig. Der Muskateller war erwartungsgemäss sehr, sehr süss. Auf Anraten des Reiseleiters, der inzwischen wieder zu uns stiess, verdünnten wir den mit Sekt, und das schmeckte dann richtig gut!

Ob die anderen Reiseleiter da jeweils etwas zu den Weinen erzählen, weiss ich nicht. Unserer war in der Zwischenzeit einkaufen, im einzigen Reformhaus der Insel, das Drachentee herstellt, aus irgendwelchen Bestandteil – ihr erratet es – des Drachenbaums und anderen Pflanzen. furchtbar gesund, offenbar, reinigt die Arterien und senkt den Blutdruck. Beim leicht überlasteten Publikum der AidaVita stiessen diese Hinweise, geäussert während der Busfahrt, nicht überraschend auf offene Ohren, so dass er vor dem Aussteigen eine Bestellung aufgenommen hatte … Gegen den leichten Schwips, den ich verspürte, hatte er allerdings nicht im Angebot.

Kurz vor zwei war ich zurück an Bord. Und genoss den Nachmittag an Deck, Lesend und selig dösend, denn hier schien tatsächlich den Gazen Tag die Sonne wunderbar warm – so unterschiedlich sind hier die Mikroklimen.

Um Viertelvorsechs gab es Apéro in der AidaBar. Ich hatte das gestern zwar gelesen, aber wie das meiste aus dem Unterhaltungsprogramm ignoriert. Heute hatte ich das Pech, dass ich da reinlatschte, als ich mir etwas zu trinken holte. Staunend nahm ich zur Kenntnis, wie die die Horde sich auf die Gratis-Cocktails und die Häppchen stürzte. Als ob es heute sonst nichts mehr zu essen gäbe … Als der erste Andrang vorbei war, gönnte ich mir dann zwar keinen Cocktail, aber ein Gläschen Crewetten-Limettensalat, War fein!

Und weil ich mich heute etwas schlapp fühlte (ob vom Wein oder von der Sonne, sei dahin gestellt) entschied ich mich für ein frühes Znacht. Zwischen Asiatisch und Mexikanisch konnte ich wählen und entschied mich für Mexiko: Feurige Hühnerflügel mit roten Bohnen und Maiskörnern, Kaninchen an Kokossauce und Penne, mit Schafskäse überbacken. Als Dessert ein Pflaumen-Ingwer-Gelee mit Tamarinde-Parfait. Letzteres war allerdings sehr süss, da musste ich aufpassen.

Theoretisch könnte ich heute Abend noch in die Kunstgalerie, an eine vom zwei Lesungen, die gleichzeitig stattfinden, an ein Gin-Tasting, in die Piano-Lounge oder in die Bar mit Greatest Hits aus dem 80er und 90er Jahren – oder nach 22 Uhr ins Karaoke. Schenke ich mir aber. Morgen gibt’s wieder früh Tagwacht: Mein Ausflug startet um 8.15.

Weiterführende Links:
Kathedrale La Laguna
La Laguna – Weltkulturerbe

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