Kanaren – Azoren, Tag 7: Seetag

Einfach mal blau machen …

Diese Nacht haben wir eine Stunde geschenkt gekriegt. Da meine gebuchte Küchenführung erst um 10 Uhr stattfinden sollte, musste ich mich auch nicht allzu sehr beeilen, um an Deck zu gehen. Für den Sonnenaufgang hat es aber doch noch knapp gereicht. Nach dem Frühstück hatte ich noch etwas Zeit zum Lesen und um zwei Tombolalose zu kaufen: Die Aida unterstützt damit unter anderem SOS Kinderdorf auf den Philippinen, Preisziehung wird am 1.1.2018 sein.

Vor der Küchenführung erhielten wir erst ein Gläschen Sekt, dann ein Hygieneoutfit, womit ich auf unorthodoxe Weise zu weisser Weihnachten kam. Was schade war: Ich durfte nur vor der Führung fotografieren – im Bereich der Küchen und der Vorratskammern etc. waren keine Kameras erlaubt. Auf Grund schlechter Erfahrungen habe diese Restriktion eingeführt werden müssen: Offenbar hatte ein Besucher eine Nahaufnahme einer Abwaschstation gepostet, mit dem Vermerk, so sehe die Küche auf der Aida aus … Verständlich das Verbot, aber schade: Die 86 Leute, die da arbeiten brauchen sich echt nicht zu verstecken! Die einzelnen Küchen- und Lagerbereiche sind blitzsauber, alle Ware perfekt beschriftet. Ungefähr 3 Fussballfelder gross sind die Lagerräume (inklusive Trockenlager mit Toilettenpapieren etc.  Im Bereich für das Selektion wird, ausser an Seetagen, jeweils marktfrisch eingekauft und das Menü entsprechend geplant und zubereitet. Aus logistischen Gründen wird ansonsten die meiste Nahrung in Hamburg geladen, Frischprodukte teilweise auf Gran Canaria. Auf den übrigen Inseln wird nur wenig Ausgewähltes dazu gekauft – wie zum Beispiel die beiden riesigen Thunfische, die heute beim Poolbrunch vor den Augen der Gäste filetiert und gebraten werden.

Was mich überrascht: Die Aida verzichtet fast vollständig auf Fertigprodukte und gilt als besonders allergie- und intoleranzfreundlich. Man nutzt also auch keine geschälten Kartoffeln (weil geschwefelt) kocht auch Bouillons etc. selber. Beim Backen gelangen zwar Fertigmischungen zum Einsatz, aber Brot, Gebäck, Torten etc. werden jede Nacht frisch gebacken. Ausnahme bilden einige glutenfreie Produkte und die ganzen Dänischen Plunder, die tiefgefroren angeliefert werden. 20 Leute arbeiten in der Nachtschicht, der Rest am Tag, wobei eine Schicht 10.5 Stunden dauert. Dafür werden pro Monat 12 Freitage gerechnet.

Die Leute bleiben 4, 6 oder 9 Monate auf dem Schiff, entscheiden dann selber, wie lange sie Pause machen, bevor sie einen neuen Vertrag unterschreiben. Was im Umkehrschluss aber wohl auch heisst, dass es keine Arbeitsplatzgarantie gibt. Das Arbeitsklima scheint aber sehr gut zu sein: Die meisten Leute, mit denen ich bis jetzt sprechen konnte, arbeiten schon länger für Aida, von 3 bis 12 Jahren. Und offenbar gibt es in einigen Bereichen sogar Personalmangel. Auf der AidaVita, zum Beispiel, ist die Stelle des Tour Managers nicht besetzt. Andreas Jacobi, der uns heute geführt hat, ist seit 12 Jahren dabei – angefangen hat er auf der alten AidaBlu, 2005. Er arbeitet heute vorwiegend hinter den Kulissen und lebt in den Pausen auf den Philippinen. Gekocht wird aktuell für gut 1200 Gäste und für 450 Miterbeitende.

Die Crew hat eine eigene Küche, die jeden Tag fünf verschiedene Gerichte auftischt: philippinische, vietnamesische, indische, europäische und vegetarische Küche stehen zur Auswahl. Das gefällt dem Personal – und ist eine zusätzliche Schutzvorkehrung, falls auf einem Schiff trotzt aller Vorsichtsmassnahmen mal eine Krankheit ausbrechen sollte. Sehr deutliche Worte fand Andreas in diesem Zusammenhang für Gäste, welche die Hände vor dem Betreten der Restaurants nicht desinfizieren. Einer dieser Deppen, der den Fahrstuhlknopf drücke, könne ein ganzes Schiff lahmlegen. Er selber hat das vor Jahren einmal erlebt, und für die Crew hiess das vor allem noch längere Schichten: 4x täglich musste das ganze Schiff desinfiziert werden, Essen durfte nicht mehr in Selbstbedienung abgegeben, sondern musste geschöpft werden und mehr. Keine Erfahrung, die er wiederholen möchte – und wir haben ehrlich gesagt auch keine Lust auf diese Art von Bordprogramm. Viel lieber lassen wir uns zum Abschluss der Führung mit Häppchen verwöhnen – und freuen uns über das Geschenk, ein Gläschen Medizin …

Als ich von der Führung zurückkomme, treffe ich eine Dame, mit der ich mich gestern unterhalten hatte. Sie fragte mich, wie es war, und ich erzählte ihr ganz begeistert von meinen Eindrücken. Ihre Frage: Mussten Sie dafür bezahlen? Ich: Ja, 29 Euro. Sie: Das ist eine Frechheit! Ich: Finde ich nicht, das war jeden Cent wert. Ich meine, da hat sich jemand 90 Minuten für uns Zeit genommen, die stellten das Einweg-Outfit, damit das überhaupt möglich war, die Verpflegung und ein Geschenk … Sie: Na und? Wir haben ja schon für die Reise bezahlt.

Ganz ehrlich: Diese Leute gehen mir auf den Keks! Immer meckern, sprechen kaum mit ganzen Sätzen mit den Leuten, die hier arbeiten. Und dabei geben die sich hier wirklich Mühe: Über Nacht haben sie überall Weihnachtsdeko aufgebaut, es gibt immer wieder kleine Extras – zur Begrüssung hatte zum Beispiel jeder Gast ein Säckchen Weihnachtskekse gekriegt, die hier an Bord gebacken worden waren; vom Gratis-Apéro hatte ich ja schon geschrieben. Natürlich gibt es auch die anderen Gäste, die bitte und danke sagen, freundlich sind und sich freuen. Aber mir scheint, gegenüber meiner letzten Reise sind die Meckerer mehr geworden. Wobei das, leider, auch daran liegen kann, dass diesmal fast ausschliesslich Deutsche an Bord sind. Man kann sich das Leben ja auch selber schwer machen …

Themenwechsel: Während wir im Bauch des Schifes war, hatte es offenbar heftig geregnet, aber jetzt scheint wieder die Sonne, die Leute drängen sich an Deck. Eigentlich wollte ich erst auch an die Sonne, aber da ist es mir zu laut und zu windig, also habe ich mich in die Beach Lounge zurückgezogen. Am Fenster geniesse ich Sonne und Aussicht, und mache, wortwörtlich, blau.

Am frühen Nachmittag ziehe ich mein Badekleid an, hole den riesigen und wunderbar flauschigen Bademantel aus dem Schrank und stürze mich wagemutig ins Sprudelbad. Für eine Thermalbadverwöhnte war das Wasser recht kühl (ich vermute, um 25 Grad), und zum Trocknen musste ich mir schon eine recht windgeschützte Stelle suchen, aber beides tat gut. Und weil ich, auf der Suche nach der perfekten Sonnenliege, im Vorbeigehen sah, dass sich kaum jemand im Wellnessbereich aufhielt, ging ich danach noch in die Biosaune und in die Finnensauna. Auch von hier gibt es naturgemäss keine Bilder, denn da sind Fotoapparat und Smartphones natürlich verboten.

Nach einem kleinen Snack beim Pool wollte ich danach auf der Kabine ein verspätetes Mittagsschläfchen halten (es war mittlerweile kurz nach 16 Uhr geworden. Aber Paul, der  Scout, weckte mich: Ich müsse heute unbedingt vor 18 Uhr mein Ausflugsticket abholen, weil das sonst wieder zurückginge – für diesen Ausflug gebe es eine Warteliste. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach, zog mich aber an und ging bei ihm vorbei. Stellte sich heraus, dass in meiner Sammlung von Gutscheinen, die am ersten Tag in der Kabine lagen, tatsächlich eines fehlte, jenes für die Wanderung am 26.12. War mir noch gar nicht aufgefallen. Zum Glück hat der nachgehakt.

Die Bescherung durch den Weihnachtsmann liess ich aus: Dem konnte man heute die Geschenke für seine Lieben anvertrauen (verpackt oder unverpackt, die Elfen übernahmen den Rest), und ab 16 Uhr verteilte er die, begleitet von Weihnachtsliedern und Cocktails. Ich nutzte die Zeit zum Lesen, ging dann nur eine Vorspeise essen – Dattelsalat und Terrine – und gönnte mir als Hauptgang ein Blini und vier verschiedene Sorten Kaviar. Was auch hiess, dass mich der Weihnachtsmann doch noch einholte: Die  Schoggi-Chlöuse sind nach der Kaffeepause überall auf dem Schiff aufgetaucht, es müssen Hunderte wenn nicht Tausend sein!

Ab  21 Uhr gibt’s eine Weihnachtsgala, unter Mitwirkung von Crewmitgliedern. Unser Koch von heute morgen soll singen. Mal sehen, wie lange ich durchhalte … Bin wirklich sehr müde.

Ach ja, Geschenke gab’s dann doch noch! Eins machte ich mir selber, im Bordladen: Ein Geschenkset von Coeur de Lion, mit Halsband, Armband und Ohrsteckern. Und eins fand ich in der Kabine vor 🙂

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Ein Gedanke zu „Kanaren – Azoren, Tag 7: Seetag

  1. Hallo Schnüff,
    Wir haben „grüne“ Weihnacht und Du schwärmst vom Baden (wenn auch nur im Pool!). Geniesse das Leben und den guten Service auf dem Schiff. Auch mir ist auf meinen Schifffahrten aufgefallen, wie sauber und ordentlich es immer im Küchenbereich aussieht. So kann ich ja im April ruhig auf meine Fahrt rund um Europa gehen.

    Liebe Grüsse und noch eine schöne Reise

    Daddy

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