Fehlgeleitet? – Offener Brief an Toni Bortoluzzi

Sehr geehrter Herr Bortoluzzi …

(Wobei das mit dem „geehrt“ nur als höfliche Floskel zu verstehen ist).

Ich bin also fehlgeleitet, da Single und kinderlos – dass beides nicht so geplant war, interessiert sie genau so wenig wie die Wissenschaft, die bei meinem schwulen und lesbischen FreundInnen keine verdrehten Hirnlappen feststellen kann. Meine und ihre Lebensweise ist unnatürlich und gefährdet die Stabilität der Gesellschaft, sagen sie. Womit sie sämtliche Beiträge, die Menschen wie ich für die Gemeinschaft leisten, ignorieren. Und das macht mich, mit Verlaub, unendlich wütend und traurig zugleich.

  • Wissen Sie, wie viele Stunden in meinem Leben ich mich um Kinder gekümmert habe, die von „richtig geleiteten“ Menschen gezeugt, aber nicht umsorgt und geliebt wurden?
  • Haben Sie eine Ahnung, wie es ist, eine Sterbende zu begleiten, die unter Hirntumoren leidet – und deren ach so natürliche Kinder sich einen Deut um sie scheren?
  • Haben Sie eine Ahnung, wie viel meine schwulen Freunde leisten, die für die verwitwete Nachbarin einkaufen, den Rasen mähen und die Fenster putzen?
  • Wissen Sie, wie sehr mein lesbisches Patenkind sich für unsere Umwelt einsetzt – nicht nur mit Reden, sondern mit Handeln: Wald aufräumen, Geld sammeln, aufklären?
  • Haben Sie eine Ahnung, wie viele Angestellte in Alters- und Pflegeheimen Single sind und sich aufopferungsvoll um Mütter und Väter kümmern, deren „richtig“ geleiteten Kinder diese Leistung nicht erbringen können?
  • Wie viele Schwule oder Lesben sich in pflegenden und helfenden Berufen engagieren, zu einem Hungerlohn oft, mit horrenden Arbeitszeiten – aber grossem Herzen und offenen Ohren?

Ich könnte hier noch viele Beispiele aufführen, aber nach Ihrer Logik zählen diese alle nichts, da niemand von uns seine Gene weiter gegeben hat. Unsere Liebe, unser Einsatz, unsere Freizeit im Dienste der Allgemeinheit – all das zählt nichts, denn wir hätten uns vermehren sollen, wie die Karnickel.

Mit Verlaub: Wenn die Fähigkeit, sich vermehrt zu haben, darüber entscheidet, ob jemand die Welt besser gemacht hat, ist Ihnen jede Maus überlegen (es sei denn, sie sei schwul, was durchaus vorkommen kann, in Ihrem Weltbild aber nicht existiert).

Homosexuelle sollen keine Familien bilden, sagen Sie – und blenden dabei aus, dass Homosexuelle Teil Ihrer so hochgelobten Familie SIND: Sie sind Töchter und Söhne von Eltern, ein Produkt deren angeblich so richtig geleiteten Lenden.

Heteros zeigen ihre Neigung ja nicht mit füdliblutten oder halb nackten Körpern, sagen sie weiter – und blenden aus, dass Striplokale, die Streetparade, Autowerbung mit fast nackten Frauen  oder küssende Fussballer etc. von Ihresgleichen erfunden, besucht oder bejubelt werden.

Solche Leute (gemeint ist Conchita Wurst, aber offenbar auch Fehlgeleitete wie ich) zeigen keinerlei Toleranz, wenn ich etwas öffentlich sage, was ihnen nicht passt. Ehm – und wie ist das umgekehrt?

Toleranz, auch Duldsamkeit,[1] ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten.[2]Umgangssprachlich ist damit heute häufig auch die Anerkennung einer Gleichberechtigung gemeint, die jedoch über den eigentlichen Begriff („Duldung“) hinausgeht.[3] 

Quelle: wikipedia

Sind SIE tolerant, mir gegenüber? Gegenüber von Schwulen und Lesben? Sind SIE tolerant, wenn wir unsere Trauer, Wut oder Verletztheit äussern?

Sie – und zahlreiche KommentatorInnen auf unterschiedlichsten Foren – berufen sich auf Ihre Meinungsfreiheit. Was ist aber mit meiner Meinung? Wieso zählt die nicht? (Ach, ich vergass: Ihre zählt ja auch erst, seit sie Kinder gezeugt haben – vorher waren Sie ja  gemäss eigener Definition ja ebenso fehlgeleitet wie wir ….)

Und was ist mit jener der Privatrechtsprofessorin Ingeborg Schwenzer? IHRE Meinung diesbezüglich ist klar:

Schwenzer sei an sich eine gescheite Frau, neige aber zu unnatürlichem Verhalten. Ich kenne die Frau leider nicht persönlich, vermute aber auf Grund dieser Aussage, dass sie entweder wie ich alleine lebt oder lesbisch ist. Auf Grund von Ausschnitten aus ihren Publikationen weiss ich aber, dass sie offenbar sehr belesen ist, klug und nuanciert argumentiert und international einen guten Ruf geniesst – was offenbar nicht ausreicht, um ihr unnatürliches Verhalten zu neutralisieren. Sollte sie im Suff ein Kind zeugen, wäre sie gemäss Ihrer Logik allerdings ab sofort natürlich und man müsste sich dann auch inhaltlich mit ihren Aussagen auseinandersetzen … Wie furchtbar wäre das!

Man kann ja nicht jemanden, der abnormal ist, etwas Normales schreiben lassen, sagen Sie weiter zu Frau Schwenzer, und ich nehme diese Steilvorlage gerne auf, um Ihnen meine eigene Meinung zu sagen (Sie lieben ja Meinungsäusserungen):

Man kann nicht von jemandem, der ignorant ist, etwas Gescheites erfahren. Auch wenn er, wie Sie, Politiker und selbsternannter Experte für Sozial-, Familien- und Gesundheitspolitik sein soll.

Aber eben: Ignoranz ist gesellschaftlich kein Problem, solange sie sich vermehrt …

Mit freundlichen (?) und desillusionierten Grüssen

 

Lovey Wymann, Single, kinderlos, fehlgeleitet

 

P.S. Vielleicht, aber nur vielleicht, gibt es ja noch Hoffnung:
Als gelernter Schreiner sollten Sie eigentlich  erkennen können, wenn Sie auf dem Holzweg sind …

 

Kursiv: Zitate aus den Interviews gemäss BeobachterTagesanzeiger, 20 Min,

Das Original geht per Post an Toni Bortoluzzi

 

Nachtrag vom 23.6.2014 – Antwort von Toni Bortoluzzi:

 

Antwort von Toni Bortoluzzi auf den offenen Brief von Lovey Wymann

Antwort von Toni Bortoluzzi auf den offenen Brief von Lovey Wymann

2014-06-23 14.42.13

4 Gedanken zu „Fehlgeleitet? – Offener Brief an Toni Bortoluzzi

  1. Kein besonders intelligenter Beitrag. Toleranz gilt wohl nur für die eigene Meinung, nicht aber für andere. Typisch linksgrüne Lebenseinstellung.

    1. Oh, ich bin sehr tolerant: Als Single lasse Herrn Bortoluzzi und gerne auch Ihnen Ihre Art und Weise, wie Sie Ihre Partnerschaft definieren. Käme mir nicht in den Sinn zu fordern, dass alle Menschen Single sein müssten… Und meine schwulen FreundInnen fordern auch nicht, dass Sie schwul werden. Alles, was ich möchte, ist Respekt. Und dass auch unsere Meinungen gehört werden. Denn Meinungsfreiheit gilt für alle – sogar für uns „Fehlgeleitete“.

    2. Schon lustig, „liebe“ Anna Müller (der Name dürfte wohl – mangels Mut, Gesicht zu zeigen – frei erfunden sein), dass die Rechts-Konservativen immer meinen beurteilen zu können, was recht und was unrecht ist. Noch mehr erstaunt mich, dass Sie sich anmassen über die „Intelligenz“ eines Beitrages zu urteilen. Das alleine spricht schon Bände. Und Sie beweisen einmal mehr, dass von ihrer Seite der Vernunftslinie nur unreflektierte Aburteilung und arrogantes Verhalten zu erwarten ist.

      Es macht wohl einen Unterschied, ob es um eine angeborene, nicht frei gewählte und oft belastende Lebensrealität und die fehlende Anerkennung für Leistungen am Staat und der Gesellschaft oder um ein unqualifiziertes und populistisches Bashing geht. Bortoluzzis Äusserungen sind nicht nur ehrverletzend und abwertend, sie sind auch noch empirisch belegbar falsch!

      Dass wir uns im heutigen vermeintlich modernen Zeitalter noch mit derart unqualifizierten und rückständigen Meinungen überhaupt auseinandersetzen müssen, ist eine Beleidigung für jeden aufgeklärten und frei denkenden Menschen.

      Es bleibt zu hoffen, dass auch die Neandertaler unserer Zeit – irgendwann zu Gunsten einer moderneren und weiter entwickelteren Spezies Mensch – aussterben werden. Ein Utopia jenseits dogmatischer Entwicklungsverhinderer wäre dereinst vielleicht auch das einzige Mittel den Supergau des Planeten zu verhindern.

      Wie sagen wir „Gutmenschen“ so gerne: Die Hoffnung stirbt zuletzt!

    3. was heisst hier bitte typisch linksgrüne Einstellung?
      Ich bin alles andere als linksgrün und teile die Meinung von Lovey. Toleranz hat nichts mit links oder rechts zu tun, sondern mit gesundem Menschenverstand.
      Seine sexuelle Gesinnung sucht sich niemend aus, und jemanden danach zu verurteilen finde ich genau so schlimm wie wenn man Menschen wegen ihrer Hautfarbe wegen verurteilt.
      Und ob jemand Kinder will oder nicht, sollte auch jeder für sich entscheiden dürfen. Ich kenne genüged Frauen, die sich besser unnatürlich verhalten hätten und keine Kinder in diese Welt gestellt hätten, da sie es nicht für nötig erachten, sich um diese zu kümmern.

      Lieben Gruss einer ’sich natürlich verhaltenen‘ SVP-Sympathisantin

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