Dick und sportlich – eine unerkannte Zielgruppe

Wer mich kennt weiss, dass ich seit früher Kindheit mit Übergewicht zu kämpfen hatte. Trotzdem war ich eigentlich die meiste Zeit in Bewegung – wenn mich nicht gerade irgendwelche Unfälle oder mein allergisches Asthma ausgebremst hatten. Allerdings war ich nur kurze Zeit in einem Verein – aus dem Kunstturnen wurde ich mit 13 ausgeschlossen, weil ich einen bestimmten Test nie bestand: Das Reck und ich, wir waren keine Freunde … Also war ich meistens alleine oder mit FreundInnen unterwegs. Oft im Wasser, manchmal aber auch zu Fuss. Als sportlich sah ich mich nie – und als ich nach einem Unfall in einem Trolleybus meine Schulter operieren musste, dachte ich, die Ärzte verarschen mich: Die sprachen die ganze Zeit davon, dass weder Narkose noch Reha schwierig sein würden, da ich sehr gute Werte habe, man merke, dass ich sportlich sei … Es dauerte eine Weile, bis die mir klar machten, dass ich meinen eigenen Bewegungsdrang und meinen Aktivitätslevel falsch einschätzte. Sport – das waren für mich die anderen. Menschen wie mein Bruder, der aktiv ruderte und Hunderkilometerläufe bestritt. Ich war halt einfach eine Dicke, die zwischendurch gerne schwimmen ging, sich eine Privatrrainierin gönnte (erst in der Halle, dann im Wasser) und ab und zu mit Kolleginnen an einen Triathlon ging – gemütlich, volkssportmässig, mehr zum Plausch.

Und doch: Ich war – trotz übergewicht – erstaunlich fit, hatte hervorragende Blutwerte und hätte, wenn die mechanischen Probleme nicht zugenommen hätten, wohl noch länger so weiter gemacht. Doch irgendwann liess es sich nicht mehr verleugnen: Die Folgen meines Skiunfalls mit 17, kombiniert mit dem Übergewicht, hatten zu schwerer Arthrose geführt, erst im rechten, später auch im linken Knie. Da ich  bei starken Schmerzen stärker das gesündere, linke Knie belastete, strahlten die Schmerzen bald auch in die Hüfte aus. Nicht gut! Also musste ich etwas unternehmen. Meine Hausärztin schickte mich zu Spezialisten und ich erhielt das volle Programm: Ernährungsberatung, Fitness, medizinische und psychologische Unterstützung. Anfangs trainierte ich im Fitnesszentrum des Spitals – auf Geräten, die teilweise mit bis zu 180 Kilos fertig wurden, zusammen mit anderen Menschen, die übergewichtig waren. Und plötzlich fiel mir auf, wie viele wir sind – und dass man uns sonst eigentlich nicht sieht. Jede und jeder von uns hat auf eigene Art versucht, in Bewegung zu bleiben. Die wenigsten von uns trauten sich in ein normales Fitnesszenter: Nicht nur, weil die Geräte nicht für unsere Gewichtsklasse vorhanden waren, sondern weil es auch keine vernünftige Sportgrösse gibt in unserer Grösse (siehe auch der Kampf ums Finisher-Shirt bei Pink Ribbon). Zugegeben, nicht alle hatten Freude an der Bewegung – bei einigen merkte man, dass sie eher widerwillig am Programm teilnahmen. Aber bei vielen spürte man die Erleichterung, dass sie sich hier zeigen durften: in Bewegung, verschwitzt, aktiv. Dass sie es geniessen durften, wenn sich die Leistung verbesserte, wenn Schmerzen geringer wurden und die Lust an der Bewegung grösser. Wenn neue Geräte ausprobiert werden konnten, die man sich vorher versagt hatte …

Ich selber entdeckte eher durch Zufall die Lust am Walken:
Als Ausdauertrainig, auf dem Laufband, fand ich es doof  – lieber betrieb ich Aqua-Jogging oder setzte mich aufs Ergometer. Aber drausen, in der Natur – da fand ich es toll. Den ersten Lauf – den bereits angesprochenen Sponsoringlauf von Pink Ribbon – unternahm ich eher aus Spass, weil Freundinnen von mir mitmachten und 4,7 km ja jede schafft – wenn man genügend Zeit zur Verfügung hatte. Am Altstadt-GP von Bern setzten wir uns ein vorsichtiges Ziel, beim Frauenlauf von Bern spürten wir den ersten Funken Ehrgeiz. Meine Pfunde schmolzen dahin, ich wurde zum UHU (Unter Hundert), dann zum UNE – und  stehe kurz davor, die 7 zu erobern. Zur Freude am Walken kam die Freude an der Gesellschaft: Meine Laufpartnerin Franziska und ich geniessen unsere Auszeiten, und immer wieder treffen wir auf Kolleginnen – insbesondere auf das Team runcoachpotaotes. Via Twitter wurden wir von #rlag adoptiert, die Laufexperten von Helsana schickten uns aufmunternde Tweets und beschenkten uns mit nützlichen Gadgets. Durch KollegInnen wurde ich auf die Laufschuhberatung aufmerksam gemacht, die ich wenig später bei Ryffel Running in Anspruch nahm.

Olaf nahm sich viel Zeit für mich, fotografierte und vermass meine Füsse, zeigte mir Übungen, mit denen ich das Fussgewölbe stärken kann und dann Schuhe, in denen ich wie auf Wolken gehe. Ganz ehrlich: Als ich da rein kam, kam ich mir völlig fehl am Platz vor. Olaf ist so ein typischer Langstreckenläufer – 120% Muskeln und kein Gramm Fett  – daneben kam ich mir immer noch dick und plump vor. Aber ich glaube, das hat er gar nicht gesehen – er sah meine Füsse und die Tendenz, nach innen zu knicken, lobte daneben aber meine Lauftechnik (hallo! Ich wusste nicht einmal, dass ich eine hatte!) und empfahl mir,  wegen der Arthrose die Schritte kurz zu halten, dafür die Frequenz zu erhöhen. (Er hatte recht: Damit laufe ich nun über längere Strecken weitgehend schmerzfrei.)

Die neuen Schuhe sind ein Segen: Inzwischen walken Fran und ich über 10 km am Stück – etwas, was ich mir vor einem Jahr nie hätte träumen lassen. Für mich sind sie aber auch ein Sinnbild für verpasste Chancen: Als ich noch wirklich dick war, hat mir nie jemand eine Laufschuhberatung angeboten – und ich selber wäre nie darauf gekommen, so etwas machen zu lassen. Bei dem „bitzeli spazieren“ ist so etwas doch nicht nötig … Und dabei wäre es gerade bei Menschen mit Übergewicht und / oder Fehlstellungen durch Unfälle wichtig, den Fuss gut zu stützen. Aber eben: In der Werbung sieht man bei derartigen Angeboten immer hochsportliche, schlanke Menschen. Dass bei der Beratung selbst diese Diskriminierung nicht stattfindet, dürften die wenigsten herausfinden, weil sie nicht – wie ich – aktiv ermutigt werden., da hinzu gehen.

Was allerdings schade ist:
Auch bei SportXX, wo Ryffel Running eingemietet ist, ist man  eigentlich auf Frauen meines Formates nicht eingerichtet! Meinen Gutschein für einen Sport-BH, den ich am Frauenlauf geschenkt erhalten hatte, konnte ich nicht einlösen, weil es den nur bis Körbchengrösse C gab … Auch hier wieder: Gerade wir, die wir den Halt nötig hätten, finden das passende Produkt nur sehr schwer (viele Kolleginnen helfen sich, indem sie 2 BHs übereinander tragen). Funktionskleidung in grossen Grössen? – Fehlanzeige!  Das gilt übrigens aucch für Männer, wie mir ein stattlicher Sportkollege versichert: Obschon er Marathon läuft, findet er in mormalen Sportgeschäften keine T-Shirts und muss sich anhhören: Wir verkaufen hier nur Sportkleidung!

Spezialangebote im Bereich Fitness für Übergewichtige – sehr spärlich verfügbar.
Alexandra von runcoachpotatoes hat deshalb kurzerhand die Initiative ergriffen und im Raum Zürich  ein eigenes Projekt auf die Beine gestellt – es hat übrigens noch freie Plätze, siehe  Sportkurse für Übergewichtige.

Da stimmt doch was nicht:
Alle lamentieren, dass die Menschen immer dicker werden und dass man dagegen etwas tun soll. Man fordert uns Übergewichtige auf, sich mehr zu bewegen, aktiv zu werden, Sport zu treiben. Aber wir sind unsichtbar: In der Werbung, bei den Herstellern von Sportkleidung, bei den meisten Kursanbietern oder Fitnesscenterbetreibern. Wieso? Wären wir nicht eine interessante Zielgruppe? Ein – das Wortspiel sei hier erlaubt  – Wachstumsmarkt?

Wo sind die Sportartikelhersteller, Aquafit-Trainer, Walking-Instruktorinnen und was es alles gibt, die uns ans Licht  holen? Die uns Raum geben, uns lustvoll zu bewegen, unsere Körper in Aktion zu bringen und vielleicht – aber nicht zwingend – dabei abzunehmen. Dick UND sportlich – das muss kein Widerspruch sein. Und ist allemal besser als schlank und krank!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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3 Gedanken zu „Dick und sportlich – eine unerkannte Zielgruppe

  1. Ich liebe Dich, Lovey, und Du hast sooooooo recht.
    Ich finde selten Sportklamotten in meiner Grösse. Und sogar Ulla Popken nervt: Dort wird Sportkleidung oft mit Strasssteinchen dekoriert, was auch nicht gerade dafür spricht, dass man uns als Sportler ernst nimmt.
    Gruss
    Blanca

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