3.6.2025 Mein Körper – die Wundertüte

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Dass mein Körper eine Wundertüte ist, weiss ich seit früher Kindheit. Oder besser: Dass mein Körper noch mehr Überraschungen bereithält, als man normalerweise voraussetzt, denn eigentlich ist ja unser Organismus ein einziges Wunder.

Meiner funktioniert, wie die meisten Körper, mehrheitlich gut und ohne, dass ich mich gross darum kümmern muss. Essen, schlafen, etwas bewegen … was wir halt alle so tun. Zwischendurch zwickt oder zwackt es irgendwo, dann müssen wir ins Bett oder zum Arzt, und dann geht es wieder, allenfalls mit der einen oder anderen Einschränkung, aber hey: Wir werden alle nicht jünger.

Bei mir kommen einfach noch ein paar Überraschungen dazu:

Ich reagiere auf ganz vieles hochsensibel, was andere nicht mal spüren – das können Geräusche sein, Gerüche oder Berührungen. Meine Bänder sind an vielen Stellen viel zu locker, was mir, verbunden mit der nicht vorhandenen Stereo-Vision, in den frühen Jahren etliche Fussverletzungen eingebracht hatte. Beim «Flicken» konnte es dann vorkommen, dass die Ärzte völlig fasziniert vor dem Röntgenlichtrahmen standen und tuschelten, so dass ich schon Horrorvisionen von Amputation oder so entwickelte, nur um mir dann zu sagen, dass erneut ein Band gerissen sei, dass ich aber im Fuss eine seltene Fehlbildung habe, bei dem ein Knochen offenbar völlig fehle. Sei aber kein Problem, es habe da genügend andere … Na dann!

In meiner – inzwischen ja doch schon recht langen Medizingeschichte – gibt es einen Vorfall, bei dem die lokale Anästhesie aus unerfindlichen Gründen überhaupt nicht wirkte; dafür gibt es einen anderen, bei dem ich nach langen Jahren, in denen ich das Antiallergikum problemlos ertrug, plötzlich mit einem heftigen, drogenrausch-ähnlichen Anfall reagierte. Geändert worden war, wie sich später herausstellte, nur der Farbstoff der Kapsel – was bei mir im Körper danach abging, konnte sich und mir niemand erklären.

Keine Erklärung gab es auch jahrelang, wieso meine Allergien immer schlimmer wurden – trotz Desensibliserungsversuchen, Schutzmassnahmen und eben Antihistamin. Wenn  ich jeweils beschrieb, dass ich den Eindruck hätte, als ob sich einfach alles in meinem Körper verschob, aber nicht auflöste, weil einfach zum Beispiel Wolle als Auslöser wegfiel, dafür aber Parfum dazu kam, schüttelten die Leute den Kopf.

«Du bisch eifach e Mimose»

Diese Diagnose wurde sehr früh in Bezug auf meine körperliche und psychische Gesundheit gestellt, und irgendwann habe ich die auch akzeptiert. Zähneknirschend, aber was sollte ich machen?

Mit etwas über 40 Jahren kam eine erste Wende:

Auf Anraten einer Freundin besuchte ich einen Zahnarzt, der auf Angstpatienten spezialisiert war – sieben Jahre nach meinem letzten Zahnarztbesuch, bei dem ich ohnmächtig geworden war. Dieser würde mit Hypnose arbeiten – und, wenn alles andere nicht half, auch unter Vollnarkose. Hypnose fand ich gut, hatte ich doch mit Autogenem Training und Meditation sehr gute Erfahrung gemacht.

Mein erster Besuch zeigte, dass Hypnose bei mir sehr gut wirkt – fast etwas zu gut, fragte ich doch, völlig tiefenentspannt, wie so ein schöner Mann ausgerechnet Zahnarzt werden konnte? Auf mein erschrockenes «Das habe ich jetzt aber nicht laut gesagt???» erntet ich fröhliches Lachen …«Doch!» Und eine kurze Erklärung, was den Beruf so faszinierend macht.

Als Zugabe erhielt ich aber einen für mich sehr wichtigen Hinweis:

«Sie sind keine Angstpatientin, Sie sind HSP – eine Highly Sensitive Person». Ich verschlang in der Folge etliche Bücher darüber, und plötzlich verstand ich meine Wundertüte um einiges besser: Mein Körper reagierte nicht unlogisch, sondern versuchte sich, so gut es eben ging, vor Reizüberflutung zu schützen. Ich lernte schnell: Ohrstöpsel sind inzwischen meine besten Freunde, je nach Situation schliesse ich auch die Augen oder beschwere den Solarplexus mit Gewichtsdecken oder, beim Zahnarzt, zum Beispiel, mit dem Röntgenschurz.

Wiederum ein paar Jahre später erhielt ich eine weitere Diagnose, die faktisch kaum etwas veränderte, aber vieles für mich verständlicher machte:

Verdacht auf Mastzellenaktivierungs-Syndrom, kurz MCAS

Ein Ersatzarzt, zu dem ich eher widerwillig ging, weil ich wusste, dass ich da wieder alles Mögliche erklären musste, setzte die vielen Unbekannten in meiner Medizingeschichte in Kontext – und verblüffte mich mit einer Blitzdiagnose, die inzwischen für mich sehr viel Sinn macht. Er hat offenbar darüber doktoriert, dass Syndrom ist erst seit 2000 bekannt und seit 2012 offiziell als Diagnose anerkannt.

Kurzfassung: Meine Mastzellen, die eigentlich als Immunpolizei eine wichtige Rolle im Körper haben, sind hyperaktiv; denen ist langweilig, und sie schiessen einfach auf alles … Loswerden kann man die nicht, aber man kann sie teilweise entwaffnen. Antihistamin plus Cromoglicinsäure Dinatriumsalz helfen bei mir am besten, kombiniert mit dem Vermeiden von Triggern, weswegen ich oft mit Maske oder tragbarem Hepafilter unterwegs bin.

Wieso ich das alles ausgerechnet heute erzähle? Weil ich es aktuell mit meinem absoluten Endgegner zu tun habe:

Gräserpollen

Wie, Gräserpollen? Es regnet doch? ICH WEISS! Und die Biester nutzen das aus!

Die meisten Menschen glauben, dass es mir bei dem schlechten Wetter besser gehen sollte. Tut es nicht. Gräserpollen saugen sich bei Regen auf, platzen dann, und die winzigen Teile steigen, sobald es aufhört zu regnen, mit der warmen Luft wieder auf. Statt mit einem Miststück habe ich es dann mit drölfzig zu tun, und weil sie winzig klein sind, dringen sie tief in die Lunge ein und lösen so Asthma aus; sie verwandeln meine Augenlieder in Sandpapier, aktivieren Entzündungen im ganzen Körper, lassen die Lymphknoten anschwellen und die Körpertemperatur steigen. Selbst ein kurzer Spaziergang, mit Maske, wird so zur Belastung.

In der Wohnung geht es, dank zwei Hepafilter, einigermassen gut. Und wie jedes Jahr wird auch diese Zeit vorübergehen, ohne dass ich daran sterbe.

«An Heuschnupfen verstorben» würde sich einfach zu lächerlich machen in einer Todesanzeige.

Ich bin sicher, mein Körper, die Wundertüte, wird sich da was Originelleres einfallen lassen. Und er braucht sich damit nicht zu beeilen!