Marina Lodge, Rückreise

Geduldsprobe

Nach einem feinen Käse-Gemüseomelett mit Toast fühlte ich mich gestärkt für die lange Rückreise. Auf Grund der Erfahrungen bei der Anreise packte ich genügend Wasser, ein Mandarinli und etwas Dänisches Gebäck ein – eine weise Entscheidung, wie sich später herausstellte. Beim Check-out funktionierte der Kartenleser nicht, der gute Mohammed wollte, das ich bar bezahle. Konnte ich natürlich nicht, da ich die ägyptischen Pfund bis aufs Trinkgeld aufgebraucht und nicht genügend Schweizergeld dabei hatte. Etwas hilflos fragte er, was wir denn nun machen? Ich schlug vor, dass ich den Betrag im Wellness bezahle, deren Leser ging zumindest gestern noch, dann könnten die ihm ja den Betrag dann rüberschieben. Fand er irgendwie nicht so toll und schlug vor, ich solle mich erst mal setzen, ich hätte ja noch Zeit, bis ich abgeholt würde – was natürlich stimmte, da ich jeweils früh auschecke. Der IT-Mensch musste einmal mehr ran, und nach einiger Zeit verlangte dieser energisch meine Visa-Karte. Ich winkte ab: Solange ich keine Abrechnung gesehen habe, rücke ich keine Karte raus. «Ooops, sorry!», sagte Mohammed, und druckte die Liste. Wie geahnt war mir das Internet voll verrechnet worden, trotz den Versprechungen des Reception-Managers. Ich beharrte auf meinem Discount, Mohmmed zuckte die Achseln: Der Reception-Manager sei noch nicht im Haus. «Na, dann machen Sie einen Vorschlag», ermunterte ich den jungen Mann. Nach langem Stirnrunzeln und Bleistiftklopfen kam ihm die erlösende Idee: «An wie vielen Tagen waren Sie mehr oder weniger glücklich mit dem Internet?» Ich sagte, wahrheitsgemäss: «Die letzten 3, seit der WLAN-Router in meinem Zimmer installiert worden ist.» «Dann bezahlen Sie einfach 3 Tagespässe», entschied er resolut, telefonierte mit dem Internetprovider, liess mich eine Quittung unterschreiben und zog die Differenz ab. Eigentlich stimmte die Rechnung so nicht ganz, weil der Wochenpass ja billiger war als die Tagespässe einzeln, aber mit dem Kompromiss konnte ich leben – und er offenbar auch.

Mein Fahrer war erstaunlich pünktlich – und kam mit einem 9-plätzigen Bus für mich alleine. So hatte ich viel Platz und konnte unterwegs ein paar gute Fotos schiessen, abwechslungsweise durch die Frontscheibe oder seitlich. Bis El Quseir kannte ich die Strecke ja schon von meinem Ausflug her, weiter gings dann, an Safaga vorbei, nach Hurghada. Das Nebeneinander von grösster Armut und Luxusresort, einsamen Hütten und städtischen Quartieren, Wüste und Jachthäfen ist beeindruckend und bedrückend zugleich. Die zahlreichen angefangenen, halb fertigen oder fertigen, aber ungenutzten Bauten zeigen, wie schlecht es um die Wirtschaft hier bestellt ist. Da mein Fahrer nur wenig besser englisch kann als jener der Hinfahrt, können wir uns kaum unterhalten. Immerhin verstehe ich, dass er einige Kamele besitzt (er zeigt mir einen Handyfilm der Tiere), dass er als Fahrer etwas dazu verdient und dass er zu den Glücklichen gehöre, die immer genug zu essen haben. Kann ich mir gut vorstellen, wenn ich einige der Häuser sehe, die total verfallen sind – aber ganz offenbar bewohnt.

Wir passieren unterwegs mehrere Sicherheitsschleusen der Polizei, bei einer wird jedes Auto mit einem Sensor „abgetastet“, v.a. auch unter dem Boden. Die Männer an diesem Posten, kurz vor dem Flughafen, tragen Sicherheitswesten, ich traue mich hier aber nicht zu fotografieren. Am Flughafen steht eine riesige Schlange vor dem Eingang. Den Hotelplanreiseleiter finde ich nirgends, macht aber nichts, denn mehr als Anstehen kann ich hier nicht … Einige Männer in orangen T-Shirts laufen herum und fragen nach, ob man VIP sei – oder werden wolle: «Only 10 Euro!» Wer zusagt, wird an der Kolonne vorbei nach vorne geschleust …

Ich habe a) keine Euro mehr, b) genügend Zeit und c) meinen Stock im Handgepäck, der mir das Stehen erleichtert, also bleibe ich «ordinary» – und nutze die Zeit, einmal mehr zu beobachten, wie manche Leute sich das Leben selber schwer machen: Neben jenen, die gut gelaunt bekannte Gesichter begrüssen, sich über die gemachten Ferien austauschen oder im Handy lesen, spielen oder chatten, gibt es natürlich auch hier die Zeterer und Meckerer vor dem Herrn: «Unser Geld nehmen sie, aber dafür arbeiten wollen sie nicht!» – «Die sind doch selber schuld, ist die Wirtschaft am Boden, die wissen nicht, was Arbeit heisst!» Als ein Flughafenangestellter einen behinderten Jungen auf den Armen durch die Menge trägt, weil mit dem Rollstuhl kein Durchkommen ist, gefolgt von der Familie, wird er angepflaumt: «Was ist das für eine Organisation hier? Macht mal das 2. Terminal auf (dieses war tatsächlich geschlossen, ich konnte aber nicht eruieren, ob das aus bautechnischen oder sicherheitstechnischen Gründen erfolgte – oder weil die tatsächlich zu wenig Personal hatten)». Beim Eingang gab’s eine erste Passkontrolle, dann ging es erst weiter zum eigentlichen Check-in. Vielleicht 5 oder 6 Schranken waren in Betrieb, an einem Hochsaisontag sicher etwas wenig, aber die Reisenden selbst machten es den Leuten auch nicht einfach: Obschon auf Arabisch, Deutsch und Englisch immer wieder durchgegeben wurde, was genau verlangt würde (Elektronikgeräte und Kamera separat in der Schale, Gürtel aus, Schuhe mit dicken Sohlen aus, Geldbörse und Schlüssel in der Tasche oder in der Schale, nicht in der Hosentasche), begannen einige erst unmittelbar bei der Schranke auszupacken oder wurden zurückgeschickt, weil der Piepser los ging. Ich habe natürlich alles brav abgegeben, piepse aber trotzdem in drei Oktaven, worauf die Leute hinter mir die Augen verdrehen. Da ich aber meinen Prothesenpass zeige, muss ich nicht zurück, sondern werde nur kurz abgetastet.

Das eigentliche Check-in verläuft in meinem Fall sehr schnell, da ich recht früh dran bin und am Schalter von Air Berlin 3 Angestellte speditiv abfertigen. Klugerweise gehe ich danach nur kurz für kleine Mädchen und stelle mich dann – natürlich wieder mit Hunderten anderen – an, um ans Gate zu gelangen. Und jetzt wird es wirklich lustig: Da es hier nur eine Schlange gibt, die erst weiter vorne auf 3 Schranken verteilt werden, stehen hier kunterbunt durcheinander alle Reisenden von allen Flügen – also auch von denen, die eigentlich schon längst starten sollten. Ohne Unterbruch plärrt der Lautsprecher: «Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit: Passagiere nach Nürnberg (Düsseldorf, Paris, Berlin etc.) werden dringend gebeten, sich an Gate 57 (35,58 50 etc.) zu begeben.» Worauf überall in der Kolonne Menschen versuchten, den vor ihnen stehenden klar zu machen, dass sie jetzt durch müssten – was einige problemlos zuliessen, andere aber blockierten: «Was meinst du, was wir hier machen? Du kannst anstehen wie alle anderen …» Irgendwann kam dann unweigerlich: «Letzter Aufruf für Passagiere nach …» Worauf überall in der Kolonne Panik aufbrach, einige Angestellte Leute rausfischten und nach vorne zur Schranke brachten, wobei sie natürlich von anderen Wartenden aufs Übelste beschimpft wurden. Kurz bevor ich an der Reihe war, gab es gleich vier letzte Aufrufe aufs Mal, was die Stimmung extrem verschärfte. Keine Ahnung, ob irgendjemand stehen blieb – Verspätungen hatten aber so ziemlich alle Flüge, auch wir. Und ja, bei aller Toleranz, ich finde auch, das war schlecht gelöst: Die hätten lieber jeweils nur die Leute ans Check-in gelassen, deren Flug innerhalb der nächsten 60 Minuten geplant war, das hätte das Ganze extrem entzerrt und vereinfacht.

Jedenfalls landete ich rechtzeitig am Gate, musste sogar noch etwas warten, bis das Boarding begann – und nach ungefähr 35 Leuten wieder stockte. Der Grund war erst nicht klar, der Mann, der die Bordkarten kontrollierte, war verschwunden, seine Kollegin sagte immer nur: «One Moment, one Moment!» Nach ungefähr 10 Minuten war er wieder da und machte zügig weiter. Als ich dran war, sagte ich: «Busy day, eh?» Er grinste mich an und sagte: «I swear I won’t even drink water any more! They kill me because I went to toilet!»

Vor dem Flugzeug stand unser gesamtes Gepäck, fein säuberlich aufgereiht, wie ich das von Kreuzfahrten kenne. Aus Sicherheitsgründen mussten wir alle unser Gepäck identifizieren und auf einen Wagen stellen, von wo es dann im Bauch des Flugzeugs verladen wurde. Auch dies brauchte natürlich seine Zeit. Als wir endlich startklar waren, meldete sich der Kapitän: Wir seien zu schwer. Also: Das Flugzeug und wir. Jetzt müsse er erst 5 Min lan Kerosin verbrennen, dann gehe es, dann dürften wir starten. Okee …. so lange es bis Zürich reicht … Tat es. Der Flug war zwar recht ruppig, wir hatten sehr viel Gegenwind. Die Verpflegung war noch reduzierter als auf der Hinreise: Das Schöggeli beim Einsteigen entfiel. Zum Glück hatte ich am Gate meinen Notvorrat verdrückt, und bei den Getränken bestellte ich einfach beide Male gleich zwei, so kam ich gut über die Runden.

Alles in allem hatten wir gut eine Stunde Verspätung, und ich war extrem froh, dass meine Katzentante mich abholen kam – und zwar ohne Rumzustehen, weil sie sich rechtzeitig im Internet schlau gemacht hatte. So war ich um halb 11 endlich zu Hause, bei meinen Tigern. Koffer packte ich ausnahmsweise erst heute aus: Nach etwas Katzenknuddeln und einer Katzenwäsche versank ich im Bett.

 

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