Marina Lodge, Tag 4

Auauauau!

Suma, die Kosmetikerin, wollte eigentlich heute mit mir nach Port Ghalib spazieren – allerdings etwas später, als ich sonst starte, weil sie sich erst noch um ihnen kleinen Sohn kümmern müsse. Also trödelte ich am Morgen etwas herum und ging später zum Frühstück. Schlechte Idee, denn beim einzigen Toaster und bei der Eierstation standen die Leute Schlange, so dass ich schliesslich auf Crêpes umstieg.

Als ich die Frau abholen wollte, was sie ganz aufgeregt: Sie habe mich gestern überall gesucht, aber nicht gefunden, und sie wusste meine Zimmernummer nicht … Eine Dame wollte unbedingt heute Vormittag für sich und ihre beiden Töchter Rastazöpfchen, sie könne nicht mitkommen. Je nu, machte ich mich halt alleine auf den Weg … Geschäft geht vor, und gerade als Selbständige weiss ich, dass man die KundInnen halt dann nehmen muss, wenn sie kommen.

Es war naturgemäss etwas wärmer als sonst, aber dank dem Wind nicht unangenehm. Meinen Beinen und Füssen scheint das Gehen auf dem unebenen Gelände gut zu tun: Die vielen Mikrobewegungen beanspruchen zwar die Fussgelenke, was ich bei der Massage etwas spürte, aber ansonsten bin ich sehr trittsicher unterwegs. Und auch wenn ich nicht die ganze Zeit an meinem Stein im Schuh oder den Ball zwischen den Oberschenkeln denke, wie wir das in der Physio geübt haben, schlackern meine Knie kaum zusammen. Gut so!

Dank AirDrop konnte ich in meinem Kaffee die Handyfotos von gestern auf den Computer laden und meine Diashow des Tages anreichern. Meine Kamera ist ja nicht wasserdicht, aber fürs iPhone habe ich eine Hülle, die bis 5 m unter Wasser dicht ist. Wird mir beim Schnorcheln gute Dienste leisten, bei der Wattwanderung wäre wohl auch der Kamera nicht viel passiert.

Nach dem Kaffee und meiner Internetsession spazierte ich heute nicht zurück, sondern weiter, der Marina entlang, zum Strand, den ich von der Marina Lodge aus gesehen hatte. Hier ist der Einstieg ins Wasser definitiv einfacher, das werde ich sicher noch ausnützen. Heute, da ich weder Badeschuhe noch Tuch dabei hatte, spazierte ich erst noch weiter, zum Strand des Palace Hotels und durch dessen Park. Da es gegen 14 Uhr wirklich sehr warm wurde, nahm ich dann das Wassertaxi, um zurück auf die andere Seite der Marina zu gelangen. Ein junger Mann war gerade daran, neben dem Boot die Fische zu füttern, so dass ich ein paar schöne Fotos schiessen konnte.

Auf meinem Balkon genoss ich dann meinen Kaffee, las etwas und liess mir die Sonne auf den Bauch scheinen, bis es Zeit war für meinen Beautytermin: Gesichtspflege, Hand- und Pedicure standen auf dem Programm. Mit Faden entfernte Suma, die an sich so Sanftmütige, die Härchen in meinem Gesicht – und amüsierte sich königlich über meine Auas, Miepmiep und Grimassen. You’re a Baby, tadelte sie mich breit grinsend, und ich gab ihr vollkommen recht. Immerhin bin ich jetzt auch babyzart, und sie meint, nun hätte ich 3 Monate Ruhe vor den unerwünschten Härchen. Mal abgesehen davon, dass ich die Härchen bisher nicht mal gesehen hatte – wenn ich Härchen wäre, würde ich mich nach dieser Behandlung auch nicht mehr raus trauen 🙂 Aber wie heisst es so nett: Schönheit muss leiden, und ich bin jetzt wirklich schön. Leider auch etwas rot, so dass ich vor dem Nachtessen noch Sonnencreme kaufen ging. Morgen ist Schnorcheln angesagt, da sollte ich wohl noch vorsichtiger sein!

Aber zurück zu Suma: Wenn sie mich nicht gerade mit ihrem Mörderfaden traktierte, unterhielten wir uns – über ihre Arbeit, vor Jahren in Luxor uns Assan, jetzt seit einigen Jahren hier in Port Ghalib. Wobei sie eben erst aus dem Mutterschaftsurlaub (natürlich unbezahlt) zurück ist: Der kleine Selim ist jetzt 6 Monate alt und ein hübscher Wonneproppen mit kugeligen Kirschaugen und einem kecken Lächeln. Ihre Mutter kümmert sich tagsüber um den Kleinen und kocht auch meistens für sie, damit sie nach der Arbeit etwas Zeit mit dem Knirps verbringen kann. Sie liebt ihre Arbeit, muss aber wohl auch arbeiten, wenn ich das richtig verstanden habe: Ihr Mann arbeitet nur sporadisch und verlangt immer wieder Geld von ihr, ist aber sonst kaum da, so dass sie über Scheidung nachdenkt. Die Gäste findet sie mehrheitlich nett, nur vor ein paar Wochen sei da so ein Ekelpaket gewesen, der habe ständig einen Mann geplagt, der nach einer OP am offenen Herzen wegen Komplikationen geh- und sprachbehindert gewesen sei. Achim sei ein so liebenswürdiger Mensch gewesen, aber der andere habe ihn ständig rumgeschubst, ins Wasser und so … Irgendwann sei es ihr zu viel geworden, und sie habe die Animateure gebeten, den Kerl mal zur Brust zunehmen. Erst sei er noch frech geworden: Er sei zu Hause Polizist, sie könnten ihm gar nichts … Aber dann hätten sie ihm wohl klar gemacht, dass er jetzt hier sei – und sie in der Überzahl. Und wenn nur einer von ihnen ihn je wieder in der Nähe von Achim sähen, dann würde er sich in den Badehosen und barfuss irgendwo in der Wüste wieder finden. Scheint gewirkt zu haben – von da an war Ruhe im Karton.

Während der Pédicure erzählte sie mir dann, dass leider auch jetzt gerade eine sehr schwierige Kundin da sei. Die sei vorgestern um 10 Uhr bereits völlig betrunken bei ihr aufgetaucht. Sie habe sie mehrmals ermahnt, sie solle still halten, aber die sei völlig überdreht gewesen. Mitten in der Arbeit sei sie aufgestanden, habe gesagt, sie sei gleich zurück – und kam dann mit 2 Tequilas von der Bar zurück. Suma lehnte dankend ab, sie sei Muslimin und trinke keinen Alkohol. Worauf die andere sagte: Auch gut – und den zweiten ebenfalls trank. Weil sie weiter herumkasperlte, hatte Suma sie bei der Entfernung der Nagelhaut leicht geschnitten, so dass es blutete. Die Frau habe zwar gesagt, das mache nichts, es sei ihr Fehler, weil sie nicht still gehalten hätte. Aber als sie gestern am Pool ihre Runden drehte um neue Kundschaft zu gewinnen, habe diese ihren Freunden gesagt, bei der sollten sie besser keine Pédicure machen lassen, das wäre eine blutige Angelegenheit. Als sie Sumas Blick bemerkte, habe sie gelacht und gesagt: Only a joke! Aber von den Leuten habe keiner gebucht. Ich konnte ihre Wut und ihre Enttäuschung gut verstehen, als sie sagte: I treat people with respect. Why can’t peoloe treat me with respect, too? Darauf fand ich natürlich auch keine Antwort; ich konnte ihr nur sagen, wie leid mir das tut, dass sie so behandelt wurde. Sie drehte mir den Rücken zu und sterilisierte die Instrumente, als sie sagte: Das war noch nicht alles … Das Schlimmste war, dass sie mich fragte, ob ich nicht einen Bruder oder einen Freund hätte, der während der Ferien mit ihr Spass haben würde. Sie bezahle auch gut …

Und jetzt ratet mal, wer dieser feinfühlige Mensch war? Genau, die gute Heike! Ich könnte die Frau erwürgen … Ich hätte heulen können, als Suma mich zum Abschied umarmte und sagte: You are different. You are kind – and you speak like a poet!

Nachtessen war heute Ägyptisch: Fleisch vom Grill, Gemüse mit sehr viel Knoblauch, Pudding mit Guave. Sehr fein!