Mein Traumjob ist Werbetexterin – haben Sie Tipps für mich?

Heute habe ich ein Mail mit Komplimenten zu meiner Webseite erhalten – und dieser Anfrage:

Mein Traumjob ist Werbetexterin.

Ich finde es faszinierend mit Wörtern zu spielen.
Schon als kleines Kind liebte ich es Geschichten zu erfinden,
kleine Texte, Gedichte und Songtexte zu schreiben.
Einer der wenigen Berufen in denen die Fantasie und Kreativität eine
grosse Rolle spielt. In zwei Jahren möchte ich daher auch an der Sawi 
den Texter-Kurs besuchen.
Nun wollte ich Sie fragen ob Sie ein paar gute Tipps für mich bereit hätten?
Im Beruf selbst und in der Art des Texten. 
 
Vielen Dank.
 
Liebe Grüsse
S.
Ich habe der jungen Frau zurückgeschrieben – und mir zum ersten Mal seit einiger Zeit wieder klar gemacht, wieso ich meinen Beruf eigentlich liebe:
Liebe S.
Werbetexterin ist ein Traumjob. da gebe ich Ihnen recht. Es ist aber auch ein Knochenjob! Die meisten Menschen können ja lesen und schreiben – und deswegen werden alle Ihnen dreinreden. Wenn die Zeiten, wie jetzt, schlechter sind, werden die Texte einfach intern erstellt (von der Sekretärin, einem Praktikanten, der Frau des Chefs …) und sie dürfen dann allenfalls noch Korrektur lesen und sich mit den beleidigten Leberwürsten rumschlagen (aber ich hatte doch in der Schule immer eine 6 im Aufsatz!)
Sie werden Zig-Mal erklären, dass es einen Unterschied gibt zwischen schreiben und texten; dass professionell erstellte Texte nicht nur gelesen werden, sondern hoffentlich eine Handlung auslösen (der / die Lesende besucht die Webseite, bestellt einen Katalog oder ein Produkt, druckt einen Gutschein aus und geht in den Laden …). Sie werden sich rechtfertigen müssen für die Kosten (Wie? 800 Franken für einen Brief und eine Antwortkarte?) und erklären, weshalb Sie einen Slogan oder einen Fernsehspot nicht in einem halben Tag liefern können (aber so ein Spot ist ja nur 25 Sekunden lang?). 
 
Einen Teil Ihrer Kreativität werden Sie darauf verwenden, den KundInnen die Meinung zu sagen, ohne diese auszusprechen; und die Fantasie kann ziemlich hilfreich sein, um sich innert nützlicher Frist von 100 wieder auf passable 10 runter zu bringen – oder sich Wege auszudenken, an neue Kunden zu kommen.
 
Und doch:
  • Immer wieder schreiben Sie über Themen, die Sie begeistern.
  • Sie dürfen, ja müssen von Berufes wegen neugierig sein, Tausend Fragen stellen, die Menschen löchern, neue Produkte und Dienstleistungen testen – oder versuchen, bekannte unter einem neuen Blickwinkel zu sehen.
  • Sie werden Phasen erleben, in denen Ihr Hirn Purzelbäume schlägt und sich auch nachts nicht abstellen lässt.
  • Sie werden mitten in der Nacht, beim Rolle Wechseln auf der Toilette, beim Spaziergang mit Ihrem Freund „Heureka“ rufen, weil Ihnen plötzlich die geniale Idee gekommen ist (und sie vielleicht Stunden später verwerfen, weil zu teuer, im gewünschten Zeitrahmen nicht realisierbar, nicht nach dem Geschmack des Kunden … )
  • Sie werden in dankbare Augen schauen, Komplimente erhalten und weiter empfohlen werden.
  • Vor allem aber: Sie werden schreiben! Über Katzenfutter und Fussgängerstreifen, über Computer und Versicherungen, über Autosattler und Weine …
 
Was konkrete Tipps angeht, wird es allerdings schwieriger.
  • Klar, schreiben, schreiben, schreiben Sie! Lassen Sie die Texte durch ein Korrekturprogramm laufen und prüfen Sie nicht nur Rechtschreibung, sondern auch Grammatik, Stil und Satzlänge (lässt sich alles einstellen, in Word z.B. unter Extras -> Rechtschreibung -> Optionen).  Und geben Sie die Texte anderen zu lesen, seien Sie offen für deren Kritik.
  • Holen Sie den selben Text nach ein paar Tagen, einer Woche, einem Monat noch einmal hervor – und überarbeiten Sie diesen.
  • Lesen Sie die Texte laut vor – oder noch besser: Bitten Sie jemanden, dies für Sie zu tun! 
  • Laden Sie sich meinen Gratis-Ratgeber „Kurz und knackig texten“ herunter und wenden Sie die Tipps auf Ihre Texte an.
  • Kaufen Sie sich die Bücher von Wolf Schneider, z.B. Deutsch für junge Profis.
  • Lesen Sie! Lesen Sie Querbeet: Zeitungen, Zeitschriften, Verpackungsaufschriften, Bücher – und nicht nur die auf der Bestsellerliste, sondern gerne auch Schund oder den Blick (Da lernen Sie z.B., kurze Sätze zu schreiben, einfache Worte zu benutzen und einprägsame Wiederholungen anzuwenden).
  • Versuchen Sie auch, Texte zu veröffentlichen: In der Lokalzeitung, in Vereinsbroschüren, auf Webseiten … Erbitten Sie auch hier Kritik – so lernen Sie zu trennen zwischen unqualifiziertem oder neidischem Niedermachen und konstruktivem Feedback.
Und ja, melden Sie sich unbedingt an für die Ausbildung – sie vermittelt das nötige Rüstzeug nicht nur in Bezug aufs Texten, sondern auch über den Umgang mit Kunden, im Bereich Marketing und vieles mehr.
Und wenn Sie so weit sind (oder wenn Sie jetzt schon konkrete Texte haben), suchen Sie sich einen Mentor oder eine Mentorin – jemand, der mit Ihnen konkrete Texte durchgeht, Ihnen Inputs gibt, wie Sie diese redigieren können, und das Resultat solange schleift, bis ein Brillant daraus geworden ist. Leider gibt es kaum mehr echte Plätze für JuniortexterInnen – weder in Agenturen noch auf Kundenseite. Die heissen zwar noch so, weil sie neu einsteigen und billiger sind, aber sie arbeiten kaum mehr im Team mit einem Seniortexter, der  ihnen Feedback gibt oder sich die Zeit nimmt für eine Textkritik. Also müssen Sie sich das selber organisieren, auch wenn Sie im Alltag oft das Gefühl haben werden, keine Zeit zu haben für so was. Es wird sich auszahlen!
 
Und ja, Sie dürfen mich gerne anfragen, wenn Sie eine solche Textkritik erleben möchten. Ich habe in meinen Anfängen das Glück gehabt, mit hilfsbereiten Texterinnen und Textern zu arbeiten – auch gerade aus dem Texterverband. Das gebe ich gerne weiter!
 
Viel Erfolg – und behalten Sie Ihre Begeisterung!