Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!

Diskutieren oder ausweichen?

Seit Wochen und Monaten erlebe ich es immer öfters, dass mir Menschen in meinem Umfeld Dinge in die Timeline spülen, die ich so nicht hinnehmen kann und will. Es geht um Postings auf Facebook und Twitter, die aus meiner Sicht Menschen oder bestimmte Menschengruppen angreifen, herabwürdigen, ins Lächerliche ziehen oder diskriminieren. Damit habe ich extrem Mühe!

Ich mag Menschen unterschiedlichster Couleur. In meinem Umfeld gibt es Menschen fast jeden Alters, aus unterschiedlichsten Berufen, aus vielen Ländern und Kulturkreisen, mit unterschiedlichen Religionen, spirituellen Ansichten und Meinungen. Wer je mit mir Geburtstag oder ein anderes Fest gefeiert hat, weiss, wie bunt die Mischung meiner Gäste sein kann. Ich finde dies bereichernd – gerade auch da, wo wir eben NICHT einer Meinung sind, wo Diskussionen entstehen, die durchaus auch hitzig geführt werden. Voraussetzung – und jetzt kommt das grosse ABER: Die Diskussion verläuft fair, man respektiert einander gegenseitig und spielt nicht auf den Mann bzw. die Frau. Ich kann einzelne Haltungen, Meinungen  oder Handlungen eines Menschen unangepasst, falsch oder wenig hilfreich finden – den Menschen an sich aber respektiere und achte ich. Zumindest so lange, wie ich die selbe Achtung mir und meiner Umwelt gegenüber auch spüre.

Und hier beginnen meine Probleme:

Immer öfter lese ich in meiner Timeline Postings, welche diese generelle Achtung vor dem Mitmenschen vermissen lassen – bzw. diese Achtung nur bestimmtem Menschen oder Menschengruppen zukommen lassen. Zum Beispiel in innenpolitischen Diskussionen, wo plötzlich von Eidgenossen gesprochen wird, die echter und wertvoller sein sollen als Schweizer. Die Abgrenzung ist dabei fliessend und schwer fassbar: Unechte SchweizerInnen sind bspw. solche, die eingebürgert wurden, aber auch solche, die seinerzeit für den EWR gestimmt haben, der EU nicht völlig feindlich gesinnt sind etc. Das Volk ist ein anderes Wort, das von seiner Bedeutung her eigentlich einschliesst, aber immer mehr so verwendet wird, dass es ausschliesst: Wir sind das Volk! Das Volk hat der SVP ein Mandat gegeben.

Am schlimmsten ist es aber für mich in der Flüchtlingsfrage

DIE Flüchtlinge werden entweder pauschal in einen Topf geworfen und als riesige Gefahr definiert: SIE nehmen unsere Wohnungen weg, nehmen uns die Arbeitsplätze, kriegen alles geschenkt, sind zu faul zum Arbeiten, wollen nur unsere Frauen … Ihr kennt das und könnt sicher ergänzen. Diese Diskussion ist noch einfach zu führen, weil diese Pauschalität sehr einfach ad absurdum zu führen ist – meine Frau z.B. kann niemand wollen, weil ich keine habe 🙂

Nur: Das was danach kommt, ist nicht wirklich besser. Sofort heisst es dann: Nein, natürlich sind nicht alle so. Und den echten Flüchtlingen wollen wir ja helfen!

Echte oder unechte Flüchtlinge?

Da sträuben sich bei mir die Haare! Echte Flüchtlinge verdienen Hilfe – unechte (wie immer die definiert werden, denn auch hier sind die Grenzen natürlich so fliessend, dass die Diskussion nicht konkret geführt werden kann) sollen gefälligst wieder verschwinden. Ich gebe gerne zu, dass es unterschiedlichste Gründe gibt, wieso diese Millionen Menschen auf der Flucht sind: Krieg; Armut; Verfolgung aus religiösen, politischen oder ethnischen Gründen; Bedrohung auf Grund der sexuellen Orientierung etc. Jeder dieser Gründe ist echt – auch wenn nicht jeder Grund automatisch dazu führt, dass ein Anspruch auf Niederlassung oder Asyl besteht. Aber um das zu entscheiden, dafür haben wir Gesetze. Und jede/r hat das Recht, einen Antrag zu stellen, hat Anspruch darauf, dass er oder sie Gehör findet und fair behandelt wird. Und ja, bei der Flut an Menschen, die zur Zeit aus ihren Herkunftsländern flüchten, ist das eine gigantische Herausforderung.

ABER:

Die Herausforderung wird nicht kleiner, wenn diesen Menschen – oder einem Teil davon – die Menschenrechte abgesprochen werden!

  • Wenn Menschen unterteilt werden in echte oder unechte Flüchtlinge, ohne dass ein gerechtes Verfahren dahinter steckt, werden ihnen Menschenrechte vorenthalten.
  • Wenn Menschen pauschal als Schmarotzer, potenzielle Vergewaltiger, Diebe etc. verdächtigt werden, verletzt man deren Menschenwürde.
  • Wenn Flüchtlinge als unechte Flüchtlinge oder Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet und ihnen daher jede Hilfe verwehrt (Nahrung, Unterkunft, medizinische Hilfe), verletzt deren Würde, deren Unversehrtheit und deren Menschenrechte.

«Heisst das, man darf jetzt nur noch Ja und Amen sagen – und bezahlen?»

Nein, natürlich nicht! Aber alles, was gesagt wird, sollte konkret sein, sich auf eine bestimmte Person beziehen (nicht auf eine nicht-fassbare Personengruppe), durch Fakten belegt und – bei aller berechtigter Kritik – sachlich und gesetzeskonform. Geschichten, wie sie zu Hauf im Netz kursieren, die ein Freund einer Freundin erlebt hat, die je nach Posting in der einen oder anderen Stadt spielen, die pauschale Vorwürfe erheben, ohne mit Fakten untermauert zu sein, tragen nicht zu einer Lösung bei.  Und nein:

Ich habe auch keine pfannenfertige Lösung – leider!

Aber eines ist für mich klar: Der Satz «Das muss man ja noch sagen dürfen!» ist wenig hilfreich. Ja, wir haben Meinungsfreiheit, jede/r darf alles sagen – naja, fast alles, es gibt ja ein paar gesetzliche Ausnahmen (Volksverhetzung, Verleumdung und so). Nur: Wenn der Satz für deine Meinung gilt, dann gilt er ebenso für meine … Also darf ich, wie ich das zur Zeit auf Facebook und Twitter immer wieder mache, auf fehlende Fakten, auf falsche Bild-Text-Zuordnungen, auf nachgewiesene Lügen etc. hinweisen. Nur ist das wie Wasser schöpfen mit einem Sieb … denn die selben Aussagen tauchen immer und immer wieder auf, wie bei einer Hydra, bei der für jeden abgeschlagenen Kopf neun neue nachwachsen. Das ist unbefriedigend, ermüdend für alle Seiten – und strapaziert Freundschaften aufs extremste, bis hin zum Kontaktabbruch. Auch wenn ich letzteres gerne vermeide, denn ich bin der Meinung, wenn sich alle der Diskussion entziehen, bleiben jene unter sich, welche die gleiche Meinung haben, bestärken einander – und vertiefen den Graben zu den anderen, die eben nicht ihrer Meinung sind.

Was also KANN ich tunt – und was könntest DU tun?

Im englischsprachigen Raum zirkuliert seit einiger Zeit ein Poster, mit dem Jungendlichen den Umgang in Social Media beigebracht wird.

Before You Fb Txt Tw or Blog

Hier noch auf Deutsch für diejenigen, die kein Englisch sprechen:

THINK = denk nach

True -> Ist es WAHR?

Helpful -> Ist es HILFREICH?

Inspiring –> Ist es INSPIRIEREND?

Necessary –> Ist es NOTWENDIG

Kind –> Ist es FREUNDLICH, MITFÜHLEND?

Ich finde, dieser Ansatz ist nicht nur für SchülerInnen interessant, sondern für jede/n von uns – und auch nicht nur in den Social Media, sondern generell bei Aussagen über andere. Und bevor mir jetzt jemand auf die Finger haut:

Nein, ich bin nicht heilig! Auch ich verstosse teilweise gegen einen oder mehrere dieser Punkte …

Und doch: Als Kompass, um immer wieder auf den richtigen Weg zu finden, ist THINK sehr hilfreich. Ich wünschte mir, das Konzept fiele auch fruchtbaren Boden …

 

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Ein Gedanke zu „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!

  1. Regula Stämpfli hat einmal gesagt: Wenn du über jemanden nicht positives sagen kannst, sag einfach nichts. Mir gefällt dieser Ansatz ebenfalls.

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