Muttertag

Während der Kindheit war der Muttertag einfach:
In der Schule haben wir etwas gebastelt, mein Vater holte am frühen Morgen die ersten Apfelblüten vom Baum im Garten, wir bereiteten gemeinsam Mamis Frühstück vor und brachten es an ihr Bett. Einmal, als wir Mami fragten, was sie sich wünschte (das kann aber auch zum Geburtstag gewesen sein), sagte sie: Vier liebi Ching! Worauf mein kleiner Bruder erwiderte, dann würde es aber eng im Haus …

Später wurde der Muttertag schwierig:
Für Mami war dieser Tag sehr wichtig, sie wollte uns alle dabei haben– ich aber ertrug die ganze Familie aufs Mal nur schwer und in kleinsten Dosen, manchmal auch gar nicht. Es grämte sie, dass mein Auto an diesem Tag oft nicht vor dem Haus stand – was dänke ou d Lüüt! Als sie mir das sagte, war ich so erbost, dass ich im Folgejahr ernsthaft erwog, den lokalen Garagisten zu bitten, gegen 10 ein Auto auf den Parkplatz zu stellen und dies kurz nach 16 Uhr wieder abzuholen.

Noch etwas später wurde unser Verhältnis wieder etwas entspannter:
Mami verstand, dass eine lebendige Beziehung nicht an starre Tage gebunden ist, dass ich lieber spontan auf einen Kaffee herein schneite, statt mit meinen Geschwistern um Aufmerksamkeit zu buhlen – oder mich zu verteidigen, weil ich nicht so war wie diese. Ich schickte ihr schräge Karten oder noch schrägere Geschenke, und sie freute sich jedes Mal sehr, wenn ich wieder etwas Unmögliches auftreiben konnte.

Seit ihrem Tod ist der Muttertag für mich oft ein Ärgernis:
Ich kriege reihenweise Newsletter mit Vorschlägen, was ich meiner Mutter schenken  oder wie ich sie an diesem Tag verwöhnen könnte. Teilweise schreibe ich zurück, dass meine Mutter vor zwei Jahren an Hirntumoren verstorben sei. Einer hat zurückgeschrieben und sich entschuldigt, wenn er mich verletzt oder  Wunden aufgerissen hätte – an diese Möglichkeit hätten sie schlicht nicht gedacht. Ich habe mir überlegt, wie ich einen solchen Newsletter schriebe, sofern ich nicht überhaupt davon abraten würde. Vielleicht würde ich genereller einsteigen: Jede/ braucht jemanden, der einen bemuttert. Das kann die eigene Mutter sein, eine Freundin, vielleicht auch Sie selber. Muttertag ist eine gute Gelegenheit …  Ja, das könnte gehen. Und es entspricht der Art, wie ich die letzten Jahre diesen Tag begangen habe – und es auch dieses Jahr wieder tue:

Muttertag ist Vater-Tochtertag!
Gerade weil ich weiss, wie viel der Tag Mami bedeutet hat und wie sehr mein Vater ihn jeweils zelebriert hat, ignoriere ich den Tag nicht, sondern plane bewusst einen Ausflug mit meinem Vater ein. Dieses Jahr treffen wir uns schon am Samstag: Er wird am GP von Bern fanen kommen – für mich, meinen Bruder und dessen Sohn. Ich übernachte bei ihm, und am Sonntag gehen wir zusammen essen. Wahrscheinlich spazieren wir anschliessend zum Friedhof, das ist eine hübsche Runde, die mein Vater regelmässig absolviert. Dabei plaudern wir über Gott und die Welt – und Apfelblüten.

 

 

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