#Nordlandreise, Tag 8: Reykjavik

Meine Erkältung – oder allergische Reaktion, sicher bin ich mir nicht – ist gestern immer stärker geworden. Also habe ich mir am Abend mit Hilfe von Zimmerservice und Minibar einen Hot Whisky gebastelt, um das Ganze auszuschwitzen. Hat nicht wirklich funktioniert, Nase läuft weiter, Hals kratzt, Lovey hustet … Da die Luft an Bord sehr trocken ist und viele Leute Wolle tragen, ist es vielleicht doch eher allergisch. Nehme jedenfalls weiter meine Xyzal und hoffe, dass es besser wird. Besser werden könnte auch das Wetter – und kurz nach 6 sieht es gar nicht so schlecht aus: Es ist trocken und erstaunlich mild. Nur bleibt es leider nicht so, im Gegenteil: Erst kommt der Nebel, später nieselt es auch wieder. Siggi, unser Guide, wird uns später erzählen, dass Reykjavik bekannt ist für seine gute Fernsicht, wegen der extrem reinen Luft, und dass Nebel hier fast nie vorkommt. Er bedauert, dass wir den kältesten Sommer seit 1923 und den regnerischsten Seit 1940 erwischt haben – und heute eine Kombination von allem. Je nu: Was ich nicht ändern kann, darf mich nicht aufregen. Ich kleide mich entsprechend: Ausnahmsweise Strümpfe unter den Jeans, ein T-Shirt, eine Fleecejacke und eine Regenjacke sollten mich sicher durch alle Eventualitäten bringen – v.a., weil ich in jede verfügbare Tasche Papiernastücher stopfe.

Frühstück bestand heute nur aus einem Scone und Tee, für mehr war es noch zu früh. Treffpunkt für den Ausflug war per 7.45 im Stardust Theater, aber es zeigte sich schnell, dass das illusorisch war: Sehr viele Menschen hatten Ausflüge gebucht, 10 Busse allein fuhren den Golden Circle, und die Leute vom Ausflugsdienst hatten ihre liebe Mühe, den Haufen zu organisieren: Die Leute hörten nicht zu oder verstanden nicht, was gesagt wurde, blockierten die Ausgänge aus lauter Angst, nicht rechtzeitig rausgehen und den besten Platz im Bus reservieren zu können. Die Busse sollten nach Sprachen getrennt gefüllt werden, was in allen möglichen Sprachen durchgegeben wurde, aber eben: Die Leute wussten es besser… In der Folge verzögerte sich das Ganze um mehr als eine halbe Stunde, so dass wir erst gegen halb neun losfahren konnten. Entgegen der Ausschreibung fuhren wir nicht in Jeeps los, sondern in einem Bus, der aber kaum zur Hälfte gefüllt war. Der Verkehr ist nicht seht dicht, obschon wir noch während der Rush Hour unterwegs sind. Wir fahren über die grösste Kreuzung des Landes, mit 4 Spuren in jede Richtung. Die Isländer sind offenbar sehr gute Autofahrer. Pro Jahr gibt es ca. 10 bis 15 Tote – im Vergleich sind es z.B. in Amerika auf 360’000 Menschen über 40 Tote. Was einerseits damit zusammenhängt, dass die Strassenbedingungen über Monate hinaus sehr schlecht sind, so dass sehr langsam gefahren werden muss – und dass die hier in Punkto Sicherheitsgurte brutal streng sind: Nicht nur, dass man gebüsst wird, wenn man keine trägt (auch in Bussen), die Versicherungen verweigern auch jede Zahlung, wenn man in einen Unfall verwickelt wird und nicht angegurtet war, völlig unabhängig davon, ob man schuld war am Unfall oder nicht.

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Unser Guide Siggi ist selber Fotograf und hat ein Buch über Nordlichter herausgegeben – bei Bedarf kann er uns Tipps geben. Auch er findet das Wetter nicht so toll, meint aber, so könnten wir den Bildern immerhin einen mystischen Touch geben. Positives Denken ist alles! Allerdings entmystifiziert er dann gleich selbst einen Grossteil der Isländischen Kultur: Die Sichtung von Elfen geht nach neuesten Forschungen auf den Verzehr von Brot zurück,  das aus Mehl einer einheimischen wilden Getreideart bestand und offenbar ähnlich wie Mutterkorn Halluzinationen auslöste. Dieses Sujet können wir also streichen …

Siggi scheint ohnehin nicht so der Romantiker zu sein: Den ersten Fotostopp wählt er auf einem Feld, wo Tausende von Fischköpfen getrocknet werden. Diese werden später nach Afrika exportiert, wo man daraus Suppe kocht, oder zu Fischkleister verarbeitet. Siggi findet, es wären grossartige Sujets für „some really remarkable close-ups“. Womit er sicher recht hat – nur hätte er uns warnen können, dass die Dinger teilweise noch tropfen, wenn man drunter steht! Seid froh, sind das keine Duftfotos … (wobei meine Katzen das wohl lieben würden)! Weiter führte die Fahrt, vorbei an schroffen Lavafeldern, deren einzelne Brocken mit Moos überwuchert sind, was den tückischen Anschein von grösseren Flächen erweckt. Erfahrene Wanderer können hier – mit speziell hohem und guten Schuhwerk – pro Stunde ca. 800 m bis einen Kilometer wandern, wobei sie bei jedem Schritt prüfen müssen, ob sie auf festem Grund stehen oder nur auf einer Moosbrücke. Die meisten Menschen meiden diese Flächen … Nur die Nasa fand die Gegend toll: Ganz in der Nähe übte man 1967/68 für die Mondlandung.

Die Weiterfahrt führt uns zu einem kleinen See, in dem vor ein paar Jahren bei einem der zahlreichen Erdbeben ein Loch entstand, so dass das Wasser wie bei einer Badewanne abfloss. Der Pegel sank um rund 5 Metern, steigt aber inzwischen wieder etwas an. Die unwirtliche Gegend ist immer wieder Kulisse für zahlreiche Filme – zuletzt seien hier Szenen für die Arche Noah gedreht worden. Was besonders auffällt: Hier ist es absolut still. Ausser den eigenen Schritten hört man hier kein Geräusch. Im Sommer könnten es hier auch noch Vogellaute sein, da hier gebrütet wird – aber jetzt herrscht absolute Stille.

Unser nächster Stopp hat nicht nur visuell, sondern auch wieder olofaktorisch einiges zu bieten: Hier wurde früher Schwefel abgebaut, und es brodelt und blubbert vor sich hin, während es nach faulen Eiern riecht. Das thermische Feld ist nicht ganz so eindrücklich wie jenes in Neuseeland, aber doch sehenswert.

Weiter geht die Fahrt, durch Lavafelder, vorbei an sehr vereinzelten Gebäuden – unter anderem einem Rehazentrum für Drogenabhängige aus ganz Skandinavien. Die Erfolgsquote sei hoch, sagt Siggi: There is nowhere they can run to …

Auf der anderen Seite der Halbinsel erreichen wir die Klippen, mit vorgelagerten Überresten von Vulkanen, von denen nur die Basaltsäulen stehen geblieben und überwachsen worden sind. Auf einer der Erhebungen stand früher der Leuchtturm, aber da das Meer immer grössere Stücke abträgt, musste dieser aufs Festland verlegt werden. Hie soll der letzte Auk, eine Art Riesenpinguin, erlegt worden sein  – ein Denkmal erinnert an das Tier, das bis ins 19. Jahrhundert hier gelebt hat.

Als nächstes fahren wir zur berühmten Blauen Lagune: Das Thermalbad ist eigentlich ein „Abfallprodukt“ der Hydraindustrie: Das Wasser wird über 300 Grad heiss und relativ verschmutzt aus dem Boden gepumpt und muss gekühlt und gereinigt werden, bevor es für diverse Arten von Energiegewinnung, zur Salzgewinnung oder für die Heizung genutzt werden kann. So quasi nebenbei wird das Bad betrieben, dem auch ein Restaurant und eine Klinik für Psoriasis-Patienten angeschlossen ist. Wir haben zwar keine Zeit zum Baden, werden hier aber mit einem wunderbaren Buffet verwöhnt und dürfen dann im Bad fotografieren. Jris hätte es hier gefallen: Sushi auf riesigen Platten, Lachs in unterschiedlichsten Zubereitungsarten, knackige Salate – unter anderem ein Rüeblisalat mit Blaubeeren und ein Salat aus Süsskartoffeln. Sehr lecker, und wunderschön angerichtet. Wunderschön auch die Fotoausstellung: Bilder verschiedener Nordlichter, fotografiert von einem gewissen Olgeir. Und hier wieder ein Werbespot für Domi: Zum Essen nutzten wir WMF-Besteck!

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Auf der Rückfahrt in die Hauptstadt, wo ⅔ der Isländer leben, halten wir bei der Perle, einem Drehrestaurant mit einer Glaskuppe und einer Panoramaplattform. Das Restaurant gehör zu den 10 besten des Landes, leidet aber auch, wie fast alles hier, unter der Krise. Die freundliche Dame am Kiosk übernimmt meine Postkarten und wird sie abschicken – auf dem Schiff waren sie dazu nicht im Stande. Bin gespannt, wie lange die brauchen …

Die meisten Isländer haben nicht nur ihre ganzen Ersparnisse verloren, sondern auch hohe Schulden, weil sie für die Bankenpleite zahlen müssen. Zwar gibt es offenbar einen Entscheid des europäischen Gerichtshofes, dass diese Entscheidung nicht rechtmässig gewesen sei, aber deswegen kriegen sie doch kein Geld zurück. Die 360’000 Isländer bezahlen damit für den Schlamassel, den rund 15 Banker und Regierungsleute verursacht hatten – die meisten von denen sind aber ausser Landes und ziehen die Gerichtsverhandlungen immer weiter in die Länge. Siggi versucht die Situation sachlich zu erklären, aber man spürt die Verbitterung und die Wut hinter seinen Worten.

Als nächstes besichtigen wir eine Lutheranerkirche: Sehr modern, aus Stahlbeton, wobei die Formen von den Basaltsäulen inspiriert sein sollen. Mir gefallen vor allem die beiden Orgeln – und die Tatsache, dass ich mit der iPhone-Panaoramfunktion die ganze Kirche hochkant aufs Bild bringe. Lutheraner sind die Isländer übrigens nicht eigentlich aus Überzeugung geworden, sondern aus Pragmatismus: Die katholische Kirche hatte sich nach und nach fast alles Land und die wichtigsten Güter angeeignet, was dem damaligen dänischen König nicht gefiel. Also entschied er sich, die Kirche zu entmachten – sagte sich vom Vatikan los und wurde Lutheraner. Die Kirchenvertreter wurden aufgefordert zu konvertieren, was viele von ihnen auch taten – vor allem, als der König einen aufsässigen Bischof und dessen 2 Söhne köpfen liess. (Die Tatsache, dass ein katholischer Bischof zwei Söhne hatte, schien Siggi weniger zu stören als einige der Reisenden: We have always been pretty liberal here!

Nur im Vorbeifahren kann ich eine Statue fotografieren, die den jungen Dänischen König darstellt, der den Isländern ihre Unabhängigkeit verkündet. Das gerollte Pergament sieht ein wenig aus wie eine Zeitung, deswegen sagen die Einheimischen über ihn: He is the first newspaper boy who really delivered! Nicht weit davon steht das Haus, in dem Bill Clinton und Gorbatschow seinerzeit den kalten Krieg beendet haben.

Auf Island gibt es sehr wenig Bäume: Als die Wikinger hier ankamen, soll etwa 25% der Fläche mit niedrigen Birken überwachsen gewesen sein, aber diese holzten sie in rund 150 Jahren praktisch vollständig ab, weil sie einerseits Feuerholz, andererseits Weideflächen brauchten. Erste Aufforstungsversuche scheiterten, weil sich das Klima verschärft hatte: Es war zu kalt, als dass die Jungbäume richtig hätten wachsen können. Erst in den letzten Jahren, als die globale Erwärmung zu längeren und wärmeren Sommern führte, konnte man erfolgreich Aufforsten. Pro Jahr werden jetzt zwischen 5 und 7 Tausend Bäume gepflanzt – Tannen, Espen, Birken etc, Trotzdem sind Bäume hier noch so selten, dass der Isländer ab 3 Bäumen von einem Wald spricht. Oder, wie Siggi sagt: How do you save an Icelander who got lost in the forest? – Tell him to stop drinking, and walk away from that tree!

Was er uns heute zeigen konnte, sei nur ein sehr, sehr kleiner Teil von Island, betonte Siggi – und auf der Karte ist die Halbinsel hinter Reykjavik wirklich nur ein kleiner Blinddarm. Für einen längeren Besuch empfiehlt er die Strasse rund um die Insel – ungefähr 920 Meilen – mit Abstechern zu den Sehenswürdigkeiten. Selber fahren sei kein Problem, die beste Reisezeit sein Ende Juni, Anfang Juli. Da gäbe es Tage, da könnte man gleichzeitig Sonnenaufgang und -Untergang fotografieren – fantastische Lichtspiele, die es so nur in Alaska gäbe. Mal sehen, ob ich jemanden überreden kann, mich dazu zu begleiten?

Der Rückweg aufs Schiff führt – wie könnte es anders sein – durch einen Souvenirshop. Ich kaufe eine Tafel Schokolade für die Crew-Miglieder vom Sichehrheitsdienst, die mit mir ihre deutsche Schoggi geteilt hatten – sie lieben mich!

 

Ein Gedanke zu „#Nordlandreise, Tag 8: Reykjavik

  1. Es scheint Dir zu gefallen, auch wenn es offenbar kalt ist. Der Bericht ist auf jeden Fall sehr interessant und ich weiss, dass diese Gegend mich nicht ansprechen kann. Ich bevorzuge Gebiete, wo man wandern kann. Ich schwitze lieber, als dass ich friere, und nass werden muss ich nicht unbedingt in der Ferne, Gelegenheit dazu bietet sich näher.Geniesse noch Deine Reise. Ich freue mich auf die folgenden Berichte. Ich selber habe meinen Trip in den cinque terre gut überstanden.

    Liebe Grüsse

    Papi

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