Pfingstlauf Wohlen, 8,4 km

Das Ziel für diesen Lauf war bis am Vortag klar: Den Pace unter 10 zu drücken. Auf Grund der Wetterprognose und der Startzeit (11.55) war ich am Morgen allerdings etwas skeptisch, ob das gelingen könnte. Es klang doch arg heiss, und die Gläserallerige ist auf Höchststufe … Je nu: Ich versprach mir selber, dass ich es probieren würde, aber meinen Körper gut beobachte, um bei komischen Anzeichen Druck raus zu nehmen.

Die Anreise via Baden–Dietikon–Wohlen verlief ruhig, nur fand ich in Wohlen nichts von der ausgelobten Beschilderung. Zum Glück kennen die Postautochauffeure sich aus, und so erreichte ich die Sportbauten Hofmatt früh (zu früh, offenbar, denn auf dem Rückweg fand ich später auch all die versprochenen Schilder).  Ich staunte, wie liebevoll das OK und die Helfer alles aufgebaut hatten: Nicht nur funktional, sondern hübsch mit Blumen dekoriert. Kolmpliment!

Startnummer kriegte ich ohne Anstehen, und auf  meine Frage wurde auch schnell ein Locher organisiert, damit ich das Startnummernband brauchen konnte. Schliesslich wollte ich mein hart erkämpftes T-Shirt von Winterthur nicht zerlöchern! Nach einem Kaffee nahm ich mir die Zeit, die Stände zu besichtigen und staunte ob einem ellenlangen Tisch mit Traktätchen, Läufer-Bibeln, Bibel für die Frau etc. Draussen sah ich ein Stand mit Kompressionsstümpfen und -Stulpen und nutzte die Gelegenheit, mich endlich mal zu informieren: Was genau bringen die? Sind die auch etwas für Laiensportlerinnen wie mich? Peter Bättig von pbsports.ch erklärte mir ausführlich Anwendung und Funktion, wies auf Studien hin und vermass meine Beine. Die Kurzfassung: Nicht jede/r reagiert gleich, das kommt darauf an, wie gut oder schlecht Venen und Bindegewebe an sich funktionieren. Und so funktionieren die Dinger:

Kompressionsstrümpfe üben einen leichten permanenten Druck auf die Waden aus, wodurch Bindegewebe und die Muskulatur gestützt und entlastet werden. Die Kompression verbessert den Rückstrom des sauerstoffarmen Blutes zum Herzen und regt das Lymphsystem an. So kann das Blut nicht mehr im Bein „versacken“, und die Beine schwellen kaum oder gar nicht an. Dadurch, dass die Arterien blutdurchlässiger werden und mehr Sauerstoff und Nährstoffe transportieren können, werden auch die Muskeln besser mit Sauerstoff versorgt, was zu einer Verbesserung ihrer Leistungsfähigkeit führt. (Quelle: Joggen-Online.de)

Ich erkannte in den Erklärungen zwei Vorteile: Ich leide oft unter geschwollenen Beinen und Füssen – gerade in Winterthur war das sehr stark spürbar und hielt auch an den folgenden Tagen an. Meine Gelenke sind an sich sehr locker, wegen meiner „Lodeli-Bänder“, also könnte etwas zusätzlicher Schutz nicht schaden. Also beschloss ich: Ausprobieren! Aber bitte in schwarz – Madame wandert doch nicht als Kanarienvogel durch die Gegend! Zum Glück ist Peters Sortiment gross, er fand das Passende – und ermittelte auch auf Anhieb die richtige Grösse. Das erste Anziehen ist etwas mühsam (einige von euch kennen das sicher von den Thrombosestrümpfen im Spital), aber einmal angezogen, fühlten sich die Beine richtig gut an.

Ich liess mich zum Start fahren und genoss im kühlen Schatten der Waldhütte eine Schorle und meine Reiswaffeln mit Joghurtaufstrich. Dabei lernte ich einiges über Waffenlauf – eine Sportart, die ich bisher kaum wahrgenommen hatte: Da laufen auch Frauen mit! Die Tragen dann „nur „5 kg statt 6.5 kg mit sich rum, absolvieren aber die selbe Strecke im selben Tenü. Packung müssen die Teilnehmenden mitbringen (und einige basteln da sehr eigenwillige Konstruktionen, mit gepolsterten Trägern und gewichts-optimierter Verteilung). Zivile Laufschuhe sind aber erlaubt – und das Tenü darf doch SEHR locker getragen werden, auch wenn es im Reglement von Wohlen anders steht (vielleicht eine Konzession an die Hitze?). Was mich erstaunt: Alle sprechen von einem internationalen Waffenlauf … Lerne dann: Sobald nur ein Läufer / eine Läuferin aus dem Ausland dabei ist, gilt das schon als international, da Waffenlauf an sich eine urschweizerische Sportart sei. Angefressen sind sie aber offenbar alle: Ein Teilnehmer absolvierte, wenn ich das richtig gehört hatte, den 423. Waffenlauf! Wahnsinn!

Apropos Wahnsinn: Vor dem Start lernte ich Stephan Vogt kennen, ein offenbar Gehbehinderter Mann, der mit Krücken walkt – und das nicht zum ersten Mal! Letztes Jahr habe er für dir 8.4 km knapp 4 Stunden gebraucht. Chapeau, Stephan! (Sehe später, dass seine Zeit nicht gemessen wurde. Hoffe, die Hitze hat ihm nicht zu arg zugesetzt …)

11.55 sollten 9 WalkerInnen starten, 5 min später die Nordic Walker. Offenbar wissen die meisten aber nicht, dass wir getrennt starten – die bewaffneten WalkerInnen drängen sich auf der Startlinie, so dass es für uns schwer ist, die Position zu behaupten. Als dann beim Start einige Nordig los düsen, wird abgepfiffen – Fehlstart. Neu wird entschieden: gemeinsamer Start um 12.00. Also reihe ich mich ganz hinten ein, das Gerangel mit den Stecken am Start muss ich mir nicht antun.  Der zweite Versuch gelingt, aber ich habe auf den ersten paar hundert Meter Probleme, mein Knie knickt ständig weg. Also Tempo raus, bewusster 3-Punkt-Gang – geht doch! Im Wald ist es angenehm kühl, dennoch schwitzen die letzten Waffenläufer, die ich überhole, ganz schön. kein Wunder: Die haben ja auch schon eine erste Schleife hinter sich! Wir walken den grössten Teil auf Naturwegen, wobei der grobe Kies teilweise stark rollt, was ich normalerweise nicht so mag. Aber Schuhe und Strümpfe zusammen scheinen zu wirken: Selbst wenn es abwärts geht, bin ich sicherer als früher – und muss weniger Tempo rausnehmen. Was mich immer noch amüsiert: Tempo GEWINNEN kann ich am ehesten, wenn es leicht aufwärts geht! (Wenn das mein damaliger Tunrlehrer wüsste!)  Sobald es aus dem Wald raus geht, ist’s tierisch heiss. Ich atme – natürlich – durch den Mund, der auf Grund der hohen Dosis XYZAL ohnehin sehr trocken ist, habe aber Mühe, im Gehen zu trinken. Bei den offiziellen Wasserstellen schaffe ich nur wenige Schlucke, den Rest kippe ich mir über den Kopf. Aber ich habe meine eigene Flasche dabei und trinke ab und zu kleine Schlucke verdünnte Schorle, ab Kilometer 5 gibt’s zudem 1 Tube Gel. Puls geht teilweise über die Limite, aber ich fühle mich gut und bleibe dran.

Die Beine sind super: Kein Anschwellen, kein Druck unter den Schuhbändeln, schon gar kein Umbinden. UND die blöden Schmerzen im Schienbeinbereich, die ich sonst immer spätestens ab Kilometer 6 spüre, tauchen gar nicht erst auf. Das einzige, was mit der Zeit motzt, ist das rechte, unfallgeschädigte Knie – da kann auch der Strumpf nicht helfen. Dennoch: bei Km 7 liege ich mit 1 h 08 und ein paar zerquetschten noch so im Rennen, dass ich mein Tagesziel schaffen sollte. Allerdings wird mir der letzte Kilometer schwer gemacht: Jogger laufen sich auf der Strecke ein, die Kinder formieren sich zum Start – ich muss kämpfen, damit ich durchkomme. Aber es könnte reichen! Nur merkt das niemand: Der Speaker hat zwar kurz vor mir den letzten Waffenläufer noch begrüsst, redet  aber dann von den Kindern, deren Startplätze und -Orte. Kein Problem, ich habe ja den SMS-Service von Datasport abonniert. Nur: Kaum habe ich Runtastic gestoppt, fährt das Handy runter – kein Akku mehr (offenbar war die GPS-Suche im Wald sehr anstrengend). Je nu, Geduld sein eine Tugend, dann sehen wir halt zu Hause …

Also erst aufs Klo (dringend!), dann trinken, Beine hoch … Transfer ins Festgelände, wo ich den Schluss der Preisverlosung für Walker mitkriege, aber nichts gewinne (und ich frage gar nicht, ob ich gewonnen hätte, wäre ich früher da gewesen. Gewisse Dinge will frau gar nicht wissen …) Dann die nächste, positive Überraschung: Neben den üblichen Grillsachen und Pommes gibt’s hier leckere Salatteller, die ich mit einer Wurst kombinieren kann. Super Service zu einem tollen Preis – auch hier ein herzliches Dankeschön allen Helferinnen und Helfern sowie den Sponsoren, die das ermöglicht haben.

Vor der Rückreise noch kurz bei Peter Bättig reingeschaut und mich bedankt: Die Strümpfe scheinen für mich eine echte Entlastung darzustellen. Und das kann ich jetzt, am Folgetag, nur bestätigen: Meine Beine fühlen sich viel besser an als sonst nach Läufen. Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass ich damit nächste Woche über die volle Distanz komme. Die Rückreise unterbreche ich in Baden kurzu, um mir einen Ovodrink zu kaufen, da ich sehr durstig bin – offenbar hatte ich während des Laufs doch etwas wenig getrunken

Zu Hause dann der Frust:
Meine Schlusszeit ist nicht erfasst worden! Gemäss Datasport stecke ich immer noch auf der 1.6 km langen Schlussschlaufe. Hallo??? Ich schreibe meinen Frust auf Facebook und an Datasport – und bei Ovomaltine: Immerhin konnte ich gemäss Datasport viel länger als alle anderen … Bin gespannt auf deren Antwort 🙂

Vor einigen Minuten dann die Freude:
Meine Schlusszeit ist da, ich gelte ab sofort als klassiert – mit 1.23.20 – und damit einem Pace von 9,9 :-))) Danke, Datasport, für die schnelle Reaktion und die charmante Entschuldigung!