Rotseelauf

Ich gebe zu: Ich hatte daran gedacht, den Rotseelauf sausen zu lassen. Nicht, weil ich nie trainieren konnte – das war vor dem Reusslauf ja auch nicht anders, sondern weil die letzte Woche beruflich, privat und emotional extrem anstrengend war. Gewisse Arbeiten sind liegen geblieben, der Haushalt sowieso … Ich hätte die Zeit auch anders nutzen können. Aber am Freitag dachte ich plötzlich: Genau darum wirst du gehen! Egal, wie schnell du laufen wirst: Diese Zeit gehört einfach dir! Du kannst den Kopf durchlüften, die Landschaft geniessen und bist ein paar Stunden einfach nur für dich unterwegs. Die Chancen dafür standen gut: In meiner Kategorie, Walking, waren nur 19 Leute angemeldet, Nordic Walking etwas über 40. Selbst wenn wir alle zusammen starteten, würde sich das Feld rasch lichten, und ich könnte, in meinem Rhythmus (bzw. in dem, der meine MIO mir vorgibt) vor mich hin walken. Das klang verlockend – selbst als ich am Morgen sah, dass das Wetter nicht gar so schön war, wie erhofft. Allergieteschnisch bin ich zur Zeit recht gut eingestellt, meist gibt es erst geben Abend mehr Probleme, aber bis dahin sollte selbst ich zurück sein 🙂

Die Fahrt nach Ebikon verlief angenehm, mit Kaffee und Gipfel, und auf dem letzten Stück konnte ich schon die Laufstrecke sehen, wo Menschen mit letzten Vorbereitungen beschäftigt waren. Im Bus wurde ich von 3 Hörbehinderten Damen adoptiert, die den Lauf offenbar bereits mindestens einmal gemacht hatten und wussten, wo die Startnummerausgabe war. Alles war sehr entspannt, obschon sich ein neuer Teilnehmerrekord anbahnte – mit rund 1000 LäuferInnen zählt der Lauf zu den kleineren, obschon er für den organisierenden Turnverein Ebikon sicher ein Höhepunkt im Vereinsjahr darstellt. Kompliment an dieser Stelle an alle Heinzelmännchen und -Weibchen: Ihr habt einen sagenhaften Job gemacht und mir mit eurem Lächeln, den Aufmunterungen und der feinen Verköstigung den Tag verschönt!

Rechtzeitig vor dem Start klarte auch das Wetter auf, so dass ich den warmen Pullover entsorgte und Sonnencrème einschmierte. Der Starter plauderte gemütlich mit uns, sprach irgendwann von knapp 2 Minuten, plauderte über Wetter und Strecke – und wurde mitten im Satz vom Startschuss unterbrochen! Entsprechend aufgeschreckt stob das Feld auseinander!  Ich erreichte nach wenigen Schritten die angestrebte Zone – und fiel während des ganzen Laufes nicht einmal darunter. Im Gegenteil: Ich befand mich einige Zeit über dem Höchstwert, was v.a. daran lag, dass der blöde See nicht flach war. Will heissen: Der See natürlich schon – aber die Strecke nicht! Direkt am See lag ja eben die Eisenbahn, der Weg schlängelte sich weiter oben dem Hang entlang. Kilometer 2 punktete bereits mit 57 Höhenmetern … Trotzdem war ich für meine Verhältnisse schnell unterwegs und musste beim Aufwärtsgehen kaum Tempo rausnehmen, obschon meine MIO ärgerlich piepste … Ich fühlte mich gut und ignorierte das Teil einfach, obschon ich generell sehr froh bin, diese Pulsuhr gefunden zu haben: Ich kann mich damit viel besser einteilen und bin dadurch sicherer unterwegs. Zusammen mit der Runtastic-App kriege ich damit jeden Kilometer mündliches Feedback in punkto Geschwindigkeit, Durchschnittspuls etc.

Schön war, dass ich auch beim Abwärtsgehen kaum Tempo verlor: Da die Strecke trocken war, bestand keine Rutschgefahr, und mein Knie motzte kaum. Bis zur ersten Verpflegungsstation war die Strecke mehrheitlich geteert. Ein Besenvelo fuhr hin und her, aber ohne zu stressen – im Gegenteil: Er wies auf Sehenswürdigkeiten hin und forderte mich auf, den Lauf einfach zu geniessen, ich müsse mich nicht beeilen. Lieb! Auf der zweiten Strecke gab es viele Kieswege, was ich als wohltuend empfand: Meine Arthrose begann sich zu melden, und ein Wechsel des Untergrundes hilft da sehr, da andere Mikrobewegungen gefragt sind. Trotzdem wurde ich hier etwas langsamer, und ein richtig fieser Aufstieg in Kilometer 6 bremste mich richtig aus, was auch die Auswertung auf Runtastic bestätigt. Zum Glück standen da oben freundliche Helfer, die mir versicherten, dies sei der letzte böse Aufstieg gewesen, der nächste sei ein Klacks dagegen!

Bei Kilometer 7 beschloss ich, die MIO zu ignorieren und den Rest auf Tutti zu laufen. Im Hinterkopf hatte ich bei der Planung eine Zeit von unter 80 Minuten, und auch wenn ich dies aus aktuellem Anlass von mir geschoben hatte: Es schien noch machbar! Allerdings waren die Bedingungen auf dem letzten Stück erschwert: In wenigen Minuten sollte der 10-km-Lauf gestartet werden, die LäuferInnen und Läufer liefen sich ein, es war ein riesiges Gewusel. Zum Glück mischte sich ein Besenvelo ein und klingelte mir den Weg frei, worauf die aufwärmenden LäuferInnen mich anfeuerten, so dass ich von einer Welle des Applauses durchs Ziel getragen wurde. Welch schönes Gefühl! Richtig geil wurde es aber, als ich die Zeit hörte: 78 Minuten und 38.13 Sekunden! „Es het glängt!“ jubelte ich – und die Leute applaudierten gleich noch einmal.  Welch tolles Publikum!

Fazit:
Mit 7.7km war es einer der kürzeren Läufe, die ich geplant habe, und ich spürte, dass ich durchaus noch hätte weiter walken können. Atem bzw. Asthma ist definitiv kein Thema mehr, die Schmerzen im Knie beginnen später und sind nicht so stark, dass ich mir grosse Sorgen machen müsste: Ich habe auch im Ziel kaum gehinkt und war offenbar kaum in der Schonhaltung, die Hüfte hat jedenfalls nicht reagiert. Den Pulsrange habe ich nach dem guten Gefühl und der Runtastic-Auswertung noch einmal leicht erhöht: Mindestpuls steht jetzt auf 130, max. auf 150.

Allerdings muss ich mich jetzt wohl definitiv von einem meiner Lieblingssprüche verabschieden:
Früher sagte ich ja jeweils, ich werde immer besser Letzte, aber das war ich auch diesmal wieder nicht 🙂

Impressionen vom Rotseelauf