Silvesterlauf 2013

Vor genau 10 Jahren war ich letztmals am Silvesterlauf gestartet, damals wurden wir in der Kategorie Sie+Er glorreich letzte. Dieses Jahr wollte ich eigentlich auch kneifen: So schön ich das weihnachtlich geschmückte Zürich finde – ich walke einfach nicht gerne, wenn es kalt und womöglich noch nass / rutschig ist. Da Franziska von Anfang an sagte, dass sie für diesen Lauf nicht zu haben sei, schien lange Zeit alle klar. Dann aber klinkte Ingrid sich ein, kam mit uns an den Hallwilerseelauf, fand Gefallen an der gemeinsamen Lauferei – und fragte mich, ob ich mit ihr an den Silvesterlauf käme. Da meine Laufsportkollegin Monika mir am selben Tag einen Link zu einem Wettberwerb schickte, bei dem man Gratisstartplätze gewinnen konnte, sah ich dies als Omen, machte mit – und gewann tatsächlich! Nur, bis ich das erfuhr, hatte Ingrid bereits wieder abgesagt – der vorweihnächtliche Stress war zu gross geworden. Alleine würde ich nicht sein, das wusste ich, hatten sich doch alleine in meiner Kategorie Run for Fun über 2500 Läuferinnen und Läufer angemeldet. Darunter auch Jacqueline, ebenfalls eine der Läuferinnen aus unserer Motivationsgruppe, mit ihrem Mann. Meine Tante Monika, opferbereit wie immer, anerbot sich als Einfrau-Fanclub und wandelnde Garderobe mitzukommen. Und so zogen wir gestern wohlgemut los, trafen uns um 15 Uhr bei der Stehbar auf Gleis 18 – und stürzten uns ins Getümmel. Das Gedränge in der Bahnhofhalle war unbeschreiblich: Neben dem Silvesterlauf und dem Weihnachtsmarkt fand ja auch noch ein Fussballmatch statt, und einige der angereisten Fans hatten schon reichlich getankt … Wir waren froh, als wir draussen aufs Tram umsteigen und zur Startnummernausgabe an der Claridenstrasse fahren konnte. Dort hielt sich der Andrang zum Glück in Grenzen, ich konnte meine Nummer ohne Anstehen ergattern: 16078.

Abendstimmung am Silvesterlauf 2013Damit hatten wir nun reichlich Zeit zur Verfügung, bummelten erst zum Ziel, schnappten uns einen Gratis-Kräutertee (Danke, Migros Laufsportförderung) auf dem Münderplatz und wechselten dann auf die andere Flussseite, in die Nähe des Startes, wo wir es uns bei Kaffee und einer Kleinigkeit zu Essen gemütlich machten, bis es uns auf der Terrasse zu kalt wurde. Also schlenderten wir noch etwas herum, genossen die Abendstimmung und feierten die LäuferInnen der Kategorie Medium an.

Hirsli wird umschwärmt

Eine gute halbe Stunde vor dem Start entdeckte Monikas Adlerauge auch Jacquelines Mann Werner – im Hirslikostüm, dem Maskottchen der Hirslen Sportanlage Bülach. Der Gute war sehr umschwärmt – Kinder und Erwachsene drängten darauf, sich mit ihm fotografieren zu lassen. Leider haben wir einander im Ziel nicht mehr gesehen, ich hätte zu gerne gewusst, wie warm es unter dem Kostüm geworden war. Gemäss meiner Tante war Hirsli jedenfalls sehr sportlich unterwegs!

Lovey, Hirsli und Jacqueline

Immer mehr Läuferinnen und Läufer der Fun-Kategorie trafen am Start ein – einige mit grandiosen Kostümen! Sehr angetan war ich vom Münster, bemannt mit vier Mönchen. Ich hätte denen zu gerne beim Laufen zugesehen, aber die waren – trotz erschwerter Bedingungen – schneller als ich. Gemäss Kolleginnen sind die allerdings auch nicht das erste Mal so am Start und haben offenbar Übung. Monika hat sich jedenfalls amüsiert über die ständigen Kommandos: Links – übereha – links!  Ich zog Jacke und Strassenhose aus, stopfte alles in meine Tasche und übergab diese, wie geplant, meiner mobilen Garderobe. Treffpunkt sollte in der Nähe des Zielraumes sein. Monika würde sich eine Stelle suchen, an der ich sie gut sehen konnte.

Wie üblich reihte ich mich ganz hinten ein: Ich ging (zu Recht, wie sich zeigen sollte) davon aus, dass die meisten joggen würden, also wäre ich nur ein Hindernis für alle, die überholen mussten. 18.35 erfolgte der Startschuss, aber es dauerte eine Weile, bis auch wir die Startlinie überschritten. Bald waren wir nur noch eine Handwoll Walkerinnen, hatten viel Platz – und genossen das Publikum, das auch uns generös anfeuerte. Einmal in Bewegung, war die Temperatur sehr angenehm, das Wetter war ideal, die Stadt herrlich anzusehen im Lichterschein. Obschon meine Knie bei Kälte stärker zicken, fühlte ich mich gut und war zügig unterwegs.

Kurz vor dem Start des Silvesterlaufs 2013

Etwas schmunzeln musste ich, als ich 2 Walkerinnen überholte: Als die das Schild auf meinem Rücken sahen, kriegten sie Panik und überholten mich gleich wieder. Auch die Leute an der Strasse amüsierten sich, womit ich mein Ziel erreicht hatte. Die Strecke verläuft grösstenteils flach, aber da, wo es leicht aufwärts ging, konnte ich mein Tempo gut halten. Das Training auf dem Laufband, mit leichter Steigung, schien sich auszuzahlen.Wo es leicht runter ging, musste ich etwas mehr aufpassen, vor allem auf den Bsetzisteinen, aber auch das meistere ich gut. Nach der ersten Runde lag ich erstaunlich gut in der Zeit: Es war knapp 19 Uhr, als ich, allerdings ziemlich allein auf weiter Flur, auf meine zweite Runde einbog. Die meisten durften da schon rechts ins Ziel laufen …

Was ich toll fand: Immer wieder gab es an der Strecke noch kleine Gruppen von Supportern, die mich und die übrigen Nachzüglern mit Laola-Wellen, Kuhglocken, Klatschen und Worten anfeuerten. Ein tolles Publikum! Etwas weniger schön, wenn auch verständlich, dass spätestens ab der Hälfte der Runde keine Fotografen mehr anzufinden waren und die Streckenposten damit beschäftigt waren, Abschrankungen und Strassenbögen zu entfernen. Einer Gruppe, die so einen Bogen abbaute, rief ich zu: Wehe, die Bananen im Ziel sind auch weg – dann werde ich grantig! – Worauf diese ihr Banner quer über die Strasse zogen und kurzerhand Spalier standen, um mich anfeuernd durchzulassen! Gut gemacht, Jungs! Etwa 200 m vor dem Ziel sah ich Monika, sprach sie auch an, sie grüsste zurück. Alles in Ordnung also. Nur noch kurz gerade aus, rechts um die Kurve, Finisher-Video, Banane fassen, dann hätte ich es geschafft.

Irrtum.

Ab da ging der Abend erst richtig los! Denn als ich, mit Banane und Wasser und freudig, weil ich gemäss Zieluhr eine gute Zeit hingelegt hatte, an die Ecke zurück ging, wo Monika war, war diese Weg. Und mir fiel siedend heiss ein, dass Monika a) gesagt hatte, dass sie ihr Handy zu Hause vergessen habe und b) das erste Mal an so einem Anlass war und daher unsere goldene Regel nicht kannte: Sobald man im Zielraum Kontakt hergestellt hat, bewegen sich Fans nicht mehr von der Stelle, die Läuferin kehrt dann an diesen Punkt zurück. Also ging ich zurück ins Ziel, wo in der Zwischenzeit aber auch die Lautsprecheranlage abgebaut worden war – ausrufen ging damit auch nicht mehr. Ich war verschwitzt, mir wurde kalt – und meine Kleidung war irgendwo in den Gassen Zürichs, auf der Suche nach mir.

Zurich by nightWas würde meine Tante machen? Ich entschied mich, an den Treffpunkt zurückzugehen, von dem wir ursprünglich gestartet waren, zur Stehbar bei Gleis 18. Sicherheitshalber sagte ich dies einigen der HelferInnen, die noch mit Aufräumen beschäftigt waren und beschrieb ihnen meine Tante, die zum Glück in einem auffallenden, hellen Mantel unterwegs war. Das Miniportmonnaie und mein Handy hatte ich bei mir, so konnte ich mir an der Stehbar einen Kaffee kaufen und hoffen, dass Monika mich eventuell von einer Kabine aus anruft (später sagte sie mir, man hätte ihr mehrmals ein Handy angeboten, aber sie wusste meine Nummer nicht auswendig). Kurz nach 20 Uhr beschloss ich, mir bei Intersport einen Pulli oder eine Jacke kaufen zu gehen, aber die Läden schliessen offenbar neu schon um 20 Uhr und nicht, wie früher, um 21 Uhr. Da Monika nicht nur meine Kleider sondern auch meinen Hausschlüssel mit sich herum trug, gab es für mich nur eine Möglichkeit: Nach Kloten zu fahren und zu hoffen, dass sie irgendwann nach Hause kommt. Das hatte immerhin den Vorteil, dass mein Weg über den Flughafen führte, da waren die Läden länger offen, also sollte ich einen Pulli kaufen können. Ich fand auch etwas Passendes, bei Tchibo – nur: Hier war das Kassensystem ausgefallen, die Verkäuferinnen konnten nur bar einkassieren. Ja Kruzirürken, haben sich denn heute alle gegen mich verschworen?! Die leicht geschlauchte, aber immer noch erstaunlich freundliche Verkäuferin bot mir an, den Pulli zur Seite zu legen – schräg vis-à-vis von der Post habe es einen Bancomaten. Ich hole Geld, stehe bei Tchibo an die eher länger gewordene Schlange an, werde aber immerhin mit einem trockenen und daher wärmenden Pulli und einem Gutschein für einen Gratiskaffee belohnt. Dass ich den Bus in der Zwischenzeit verpasst habe, nehme ich mit Galgenhumor und warte auf den nächsten. Bei Monika zu Hause ist alles finster. Mist! Ich rufe meine Cousine an, die hat einen Schlüssel und will runter kommen, um mich rein zu lassen. An der Eingangstür trifft sie mit Monika zusammen, die eine andere Busroute gefahren ist – und sichtlich froh ist, mich zu sehen. Die Ärmste ist völlig fertig, die ganze Aktion hat ihr auf den Magen geschlagen. Sie plagt sich mit Vorwürfen, dass ich mich ihretwegen erkälten würde und nicht in die Ferien fahren könne und entschuldigt sich immer wieder. Natürlich war auch ihr schnell klar geworden, dass es eine schlechte Idee gewesen sei, ihren Standort zu verlassen und das Ziel zu suchen, aber da war es schon zu spät. Sie fragte die letzen Helfer – aber offenbar nicht die, welche ich instruiert hatte. Einer davon schickte sie an die Claridenstrasse, vielleicht würde ich an der Wärme in der Garderobe warten, also ging sie erst dort hin – und danach, wie ich eigentlich vorausgesehen hatte, zur Stehbar, aber da verpassten wir uns offenbar um wenige Minuten. Je nu: Kreditkarte und Pullover sei dank, mir war eigentlich angenehm warm, ich denke nicht, dass ich krank werde. Nur muss ich jetzt natürlich von hier aus zurück nach Bad Zurzach. Via Bülach kein Problem, meint meine Tante, und bringt mich zum Bus. Am Flughafen kann ich umsteigen, in Bülach müsse ich ein paar Minuten warten, auch im neuen Fahrplan fahren die Züge jeweils 7 nach.

Im Prinzip ja.

Ich komme kurz vor 22.30 in Bülach an, spaziere aufs Gleis, weil es da ein Wartehäuschen gibt, werfe eher aus Gewohnheit einen Blick auf die gelbe Tafel – und stelle fest, dass der letzte Zug nach Bad Zurzach 22.07 gefahren ist. Also zurück nach Zürich und via Baden … Nur: der Zug nach Zürich fährt gerade auf Gleis 3 ab! Wo, verdammt, ist die versteckte Kamera?! Nächster Zug: 23 Uhr. Und gemäss SBB-APP habe ich damit in Baden sogar noch Anschluss und würde 00.24 eintreffen. Ihr könnt mich doch alle: Ich strapaziere meine Kreditkarte und nehme mir ein Taxi. Was theoretisch eine gute Idee gewesen wäre – praktisch aber daran scheiterte, dass auf den 4 oder 5 Standplätzen kein einziges Taxi zu finden war. Also doch Warteraum. Hoffentlich ist der um diese Zeit noch offen.  Oh ja – sogar sehr offen: Irgendjemand hat die Tür abmontiert. Zwar gibt es gleich neben dem Loch eine kleine Heizung, aber die spürt man nur, wenn man die Hand unmittelbar drauf hält. Sind ja nur noch knapp 20 Minuten … Zeit, um in Datasport mein Ergebnis abzurufen – und mich zu freuen: Mit 49.54.2 bin ich 5 Minuten schneller als beim Frauenlauf über die selbe Strecke! Und ich war – entgegen meinem Schild, nicht das ENDE – hinter mir sind 3 Läuferinnen klassiert. YAY!

Und endlich erbarmen sich auch die Götter meiner: Umsteigen in Zürich klappt problemlos, beim Umsteigen im Baden eilt ein jüngerer Mann voraus und drückt auf den Knopf, bis ich auch eintrudle – in der Zwischenzeit schmerzen meine Knie doch ziemlich stark.

Und wie zum Hohn jubelt mein Fitbit kurz vor Mitternacht: Glückwunsch! Sie haben 213% Ihres Tagessolls erreicht!

Rang 1366 von 1369 klassierten!

Update vom 19.12.2013

Dank dem Laufengagement der Migros gibt es auch hier wieder einen Finisherclip, den ich euch natürlich nicht vorenthalten will. 

Und 2 der Bilder von Alphafoto:

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