5.6.2025 Wundern über Wunden

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Nachdem sich der Zustand meiner Bronchien und die übrigen Symptome der Allergien weiter verschlimmert hatten, habe ich mich gestern durchgerungen und die Praxis meiner Ärztin angerufen. Erst wollten sie mir einen Termin Ende nächster Woche geben, und fast hätte ich den auch angenommen. Aber dann traute ich mir doch zu sagen, dass ich vielleicht nicht so lange warten sollte, weil ich in früheren Jahren jeweils eine Bronchitis hatte, in dieser Jahreszeit, und es sich anfühle, als wäre ich auf dem Weg dahin …

Sie schaltete sofort um und gab mir einen Notfalltermin, heute Morgen um Acht. Das entlastete mich – und belastete mich zugleich: Was, wenn ich übertrieben habe? Wenn es gar nicht so schlimm ist, wie ich es empfinde? Wenn ich viel Lärm mache um nichts?

Und doch: Ich war froh, hatte ich diesen Termin erhalten. Und vertraute darauf, dass meine Ärztin, die mich jetzt auch schon seit 20 Jahren kennt, nicht beleidigt oder empört sein würde.

Ich stellte also den Wecker, nahm um 6 Uhr 44 den Bus und traf kurz vor acht in der Praxis ein. Die Anamnese war kurz – und die Diagnose klar: Hier musste dringend Gegensteuer gegeben werden.

Ich erhielt die nötigen Medikamente und den Auftrag, mich zu melden, sollte sich mein Zustand nicht in den nächsten Tagen verbessern.

Was ich auch erhielt – und das fiel mir auf dem Weg zum Bahnhof auf: Eine Art Absolution.

Aufmerksame Leser:innen werden aus obigem Teil bereits gespürt haben, das da neben meinem akuten Asthma eine andere Wunde getriggert worden war:

«Sei nicht so dramatisch!» – «Wenn alle Menschen immer so empfindlich wären …»

Und ein Teil von mir weiss ganz genau, dass solche Aussagen der Versuch waren, mich abzuhärten für eine Welt, die als hart und gefährlich empfunden wurde. Aber bei mir haben sie was anderes ausgelöst:

Die Angst, zu viel zu sein, eine Zumutung zu sein, eine Last zu sein. Und sich deswegen zusammenreissen zu müssen, die Dinge auszuhalten oder selbst zu erledigen. Ich habe in Therapie und Coaching gelernt, dass das nicht immer der beste Weg ist; dass ich auf meinen Körper (oder meine Seele) hören und um Hilfe fragen kann. Und es gelingt mir auch immer besser. Und doch:

Ohne Schuldgefühle geht es offenbar auch heute noch nicht. Ein Satz aus meinem letzten Coaching hat mir in dieser Situation geholfen:

«Chose guilt over resentment any time».

Denn Schuldgefühle zeigen an, dass mir etwas antrainiert wurde, dass ich gegen auferlegte Normen verstossen habe. Groll würde bedeuten, dass ich zugunsten der Bedürfnisse anderer meine Bedürfnisse zurückgestellt und mir damit geschadet habe.

Ein Teil von mir wundert sich, dass, diese frühkindlichen Muster bei mir mit 64 noch aktiv sind. Ein anderer Teil freut sich, dass ich dennoch gut zu mir schaue, nach Hilfe frage und sie auch erhalte.

Jetzt muss nur noch die Wundermedizin ihre Wirkung entfalten …