Zibelemärit 2012

Das erste Mal seit meinem Studium war ich wieder am Zibelemärit. Meine Tante und ich gönnten uns diesen Ausflug in die alte Heimat – im Wissen, dass es ein Riesengedränge und, wenn man der Wettervorhersage glauben durfte, eine feuchte Angelegenheit werden dürfte. Tapfer stellte ich den Wecker auf 5 Uhr morgens, dopte mich mit einem starken Kaffee, erledigte ein paar Mails und machte mich dann auf, Richtung Kloten, wo ich mich mit Monika treffen wollte. Zu meinem Erstaunen – und zunehmenden Ärger – hatte es bereits um 5 vor sechs massenhaft Verkehr, eine Baustelle mit einspuriger Streckenführung und jede Menge Rotlichter, von denen ich kein einziges ausliess …  Seit ich nicht mehr pendle, habe ich offenbar das Gefühl für die morgendliche Rushhour verloren – ich benötigte mehr als 25 Minuten, und wir verpassten den Bus. Also hiess es: einen Zug später!  Nur: Den Zug nahmen gefühlte 3748 andere auch – und alle wollten, wie wir, in den Speisewagen. Also hiess es: stehen bis Zürich, dann Platz in der zweiten Klasse suchen, denn alle Plätze im Speisewagen waren ab Zürich reserviert. Zum Glück waren wir gleich bei der Basisstation des fahrbaren Buffets, so erhielten wir trotzdem Kaffee und Gipfeli von einem erstaunlich gelassenen Angestellten, der sich nicht aus der Ruhe bringen liess, weder von den Leuten und dem Gepäck, das im Wege stand, noch von den Forderungen nach Verpflegung, die von allen Seiten auf ihn einprasselten – selbst aus den Tiefen des Treppenaufgangs.

In Bern angekommen merkten wir schnell: Das wird ein glatter Tag! Und das war durchaus wörtlich zu verstehen: Konfetti und Regen vermischten sich auf den Bsetzisteinen zu einer seifigen Schmiere, die einen zu einem wenig grazilen, dafür vorsichtigen Gang zwang. Irgendwie hatte ich das anders in Erinnerung … Wurden die Konfetti früher nicht erst am Nachmittag, bei der Stunggete, eingesetzt? Je nu, wir pflügten uns durch die Menge, vorbei an Ständen mit Glühwein und Zuckerwatte, Nougat und Bergkäse, Mützen und Regenschirmen – und natürlich Zwiebeln in allen Formen und Farben. Einige Standbetreiber hatten sich riesige Mühe gegeben – daneben wirkten die 0815-Zöpfe vor dem Coop reichlich lieblos und überteuert. Monika steuerte recht schnell auf einen Stand los und erledigte die ihr aufgetragenen Einkäufe. Ich zögerte zuerst, weil ich keine Lust hatte, das Zeugs den ganzen Tag mit mir rumzutragen, kaufte dann aber doch 3 kleine Zwiebel-Knoblauchzöpfe mit schönen Blumen. Wenig später erkannte ich, wie recht Monika mit ihrer Einschätzung hatte: Viele Stände waren vor 12 Uhr bereits leer gekauft oder zumindest arg geplündert. Natürlich kauften wir auch Pfefferminzzwiebeln – die echten im orangen Zopf, die es aber nur noch an wenigen Ständen gab, ansonsten gab’s überall so bunte Ketten mit runden Bonbons in allen Aromen, von Minze über Ananas, Apfel und grüne Banane bis zu Himbeere.

Die erste Pause gab’s bei Gfeller, wo wir zuerst nur etwas trinken wollten, dann aber vom Duft des Zwiebelkäsekuchens verführt wurden. Zum Glück setzten sich noch 2 Leute zu uns: Ihnen konnten wir jeweils die Hälfte des köstlichen, aber riesigen Stückes weitergeben! Die Frau war aber auch schon seit 1 Uhr morgens auf den Beinen: Sie hatte einen eigenen Stand mit Dekorationen aus Heu, Koniferen etc. Wir haben sie nach  dem Essen am Stand besucht und ich habe mir einen Dekostern für die Eingangstür gekauft.

Frisch gestärkt stürzten wir uns wieder ins Gedränge und kämpften uns bis zum Zytglogge vor. Die blöden Hämmerchen, die ich schon zu Studienzeiten gehasst hatte, waren nach wie vor im Einsatz – und auch dieses Jahr eher in den Händen von Halbstarken als von Kindern. Zusammen mit einigen rüpelhaften Erwachsenen, die einen rüde zur Seite stiessen; Hunden, die einem unter die Füsse gerieten oder bei denen man sich in der Leine verhedderten; kleinen Kindern, die nur lauter Beine sahen sowie Kinderwagen, die einem teils schmerzhaft in die Waden gerammt wurden, ergab dies eine leicht anstrengende Mischung, so dass wir uns wieder aus dem Gewimmel stahlen und uns eine weitere Rast gönnten, bevor wir uns die Loeb- und Globus-Schaufenster ansehen gingen. Irgendwie waren die früher aber schöner – oder wir hatten sie mit anderen Augen gesehen … Dieses Jahr fand ich die nicht so besonders. Dafür entdeckte ich an einem Stand meinen speziellen Käse, den ich am Slowfood-Market gerne gekauft hätte, wenn ich noch Geld gehabt hätte: einen rezenten Schafskäse, eingehüllt in Maische. Monika konnte meine Begeisterung allerdings gar nicht teilen – sie fand mehr Freude an süssem Gebäck.  Zum Glück kamen wir so beide auf unsere Rechnung!

Müde, aber reich beladen, kämpften wir uns schliesslich wieder zum Hauptbahnhof hoch, wo wir die letzte Rast einlegten, bevor wir den Retourzug bestiegen: Ein Ersatzzug, zusammengestellt aus endlos vielen Wagen, von denen viele 1. Klasse waren, aber überklebt mit Hinweiszetteln „2.Klasse“. So wurden wir für die eher mühsame Hinreise feudal entschädigt …

Allerdings musste ich zum zweiten Mal hintereinander, nachdem ich mit Monika im Ausgang war, zu Hause als erstes wieder Schuhe putzen. Die Schicht von Dreck und Konfetti liess sich nicht so leicht entfernen – und ich war sehr, sehr froh, kein Strassenwischer zu sein: Die Ärmsten müssen heute Abend die ganze Sauerei aus den Tramschienen und zwischen den Bsetzisteinen herauskratzen! Passend zum Zibelemärit könnte man sagen: Zum Heulen!

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