Wohnen im Turm

Es heisst ja, wenn der Mensch plant, lacht der Teufel. In diesem Fall stimmte das nicht – da lachte das Glück! Aber alles von vorn:

Als die Eltern meines Patenkindes in Neuseeland letztes Jahr den Besuch bei den Grosseltern in Deutschland planten,  wollte ich natürlich die Gelegenheit ergreifen, sie alle wiederzusehen. Ein Abstecher für die junge Familie in die Schweiz erwies sich aber als sehr umständlich – während für mich, umgekehrt, die Reise nach Amberg, wo die Grosseltern wohnen, viel einfacher war, als bis anhin gedacht: Die Stadt liegt nahe bei Nürnberg, dahin gibt’s täglich Flüge, und die sind nicht mal teuer (es gäbe auch Flixbus, aber dafür bin ich definitiv zu alt).

Bianca hätte mich in Amberg gerne zur Rast in den Knast gesteckt – oder wie sie das hier nennen: in den offenen Schlafvollzug. Nur waren die leider schon ausgebucht. Das  Hostel ist vor allem bei Radfahrern und Wandergruppen sehr beliebt und unbedingt empfehlenswert. Apropos Radfahrer: Viele nicht mehr benutzte Bahnstrecken sind hier zu wunderbaren Radwegen ausgebaut worden. Das heisst: Flache Strecken und schöne Routen.

In Amberg selber gibt’s neben dem Knast jede Menge weitere Hotels und Gasthäuser, aber beim Suchen entdeckte ich den Turm von Sulzbach-Rosenberg – und hatte mich veliebt!

Der Wehrturm von 1388 ist liebevoll restauriert und eingerichtet worden, liegt extrem ruhig – und dennoch nahe vom historischen Schlosshügel, dem Stadtpark und dem Bahnhof, mit Bahn- und Busverbindungen nach Amberg bis weit in die Nacht. Damit hatte ich meine Oase der Ruhe gefunden, denn ich kenne mich: So sehr ich mich freute, Bianca, Calum und Freyja wiederzusehen, und natürlich auch deren Eltern, Ingrid und Michael: Ich musste mich dazwischen auch immer wieder zurückziehen können. Und ich sage euch: Das Auftanken hier ist ein Genuss!

Hier einige Impressionen vom Turm:

Ich nutzte die Sonnenterrasse vor dem Turm für Frühstück oder Brotzeit  – die Zutaten dazu holte ich oben im Stadtzentrum, wo sich eine Bäckerei und eine Metzgerei ein Lokal teilen. Da gibt’s aber auch eine Fisch- und Obsthalle und ein paar weitere Geschäfte, zahlreiche Restaurants und Eisdielen.

Hinter dem Turm gibt’s ein öffentliches Kneippbecken und einen Fussgymnastikparcours, um die Ecke den Stadtpark mit zwei schönen Spielplätzen, einem Teich und einem Café. Der historische Stadtteil thront direkt über dem Turm – und bietet in seinem verwinkelten Gässchen, entlang vom ehemaligen Burggraben oder auf dem Schlosshügel wunderbare Fotosujets.

Gabriele Renner, meine Gastgeberin im Turm, hat freundlicherweise jede Menge Literatur über die Gegend bereitgelegt, so dass ich mich quer durch Geschichten und Sagen lesen konnte, den Schweinsbraten-Index entdeckte (ein wunderbarer Beizenführer) und Gedichte in Oberpfälzer Mundart. So erfuhr ich, dass ich mich hier im Bayrischen Jura befinde,  dass die Region hier über 50 Mal die Religion gewechselt hatte: Je nach dem, wer gerade als Fürst gewählt wurde, musste sich die Bevölkerung anpassen, durch das sogenannte erzwungene Simultaneum.

Amberg, die grössere Nachbarstadt, ist ebenfalls reich an historischen Gebäuden, Geschichten und Legenden. Die günstige Lage, am Fluss Vils, liess hier den Handel blühen – v.a. mit Salz, später aber auch mit Eisenerz, dessen Abbau und Verarbeitung in der Region die frühe Industrialisierung förderte. „Das Manchester Deutschlands“ wurde die Region deswegen auch schon genannt. 

Impressionen aus Amberg:

 

Die historische Altstadt thront direkt über dem Wehrturm – meinem Rapunzelturm, wie ich Freunden schrieb. Sulzbach-Rosenberg ist aber auch sehr stolz auf seine Industriegeschichte, auch wenn heute Dienstleistung und Tourismus wichtiger geworden sind.

Impressionen aus Sulzbach-Rosenberg:

Die Region bietet sehr viele Möglichkeiten für Aktivsportler, aber auch für Wellness oder Genuss  – ich erinnere an den Schweinebratenindex 🙂

Für dieses Mal habe ich das Sightseeing auf eine Stadtführung in Amberg und ein paar Spaziergänge beschränkt. Schliesslich wollte ich ja viel Zeit mit Freyja, deren Eltern und Grosseltern verbringen. Und jetzt, wo ich weiss, wie schnell ich da hinkomme, werde ich Ingrid und Michael sicher auch ein ander Mal besuchen – und wohl auch „meinen“ Rapunzelturm!

Nun muss ich aber leider den Computer zuklappen und mich verabschieden: Gabriele holt mich gleich ab und bringt mich zum Bahnhof – auch das ist hier im Service inbegriffen! Danke, Gabriele!

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2 Gedanken zu „Wohnen im Turm

  1. So lässt es sich gut leben! Ich sehen, wir beide haben für Fotos etwa das gleiche Gspüri: wir sehen nicht die Schönheit in den „grossen“ Touristenbildern, denn die echte Schöheit ist meistens in kleinen unscheinbaren Ecken und Winkeln verborgenl.

    Daddy

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