Das Jahr, als Weihnachten nicht kam

Eine Geschichte zum Vorlesen oder selber Lesen

Es war der 30. November, ein Samstag, und Frau Ramseier ärgerte sich. Wieder hatte ihr Mann vergessen, den Strohkranz vom Dachboden zu holen, obschon er es ihr seit Tagen versprochen hatte. «Morgen hole ich ihn!», hatte er gesagt, als sie ihn am Dienstag darauf ansprach. «Jetzt schaue ich erst diesen Krimi fertig …» Dabei lief gar kein Krimi, sondern Werbung, aber Frau Ramseier wusste genau: Wenn sie jetzt nachhaken würde, gäbe es nur wieder Streit. Also schwieg sie.

Sie schwieg auch am Mittwoch und am Donnerstag, als ihr Mann sagte, er hole den Kranz morgen vom Estrich runter. Am Freitag fragte sie schon gar nicht mehr … Und jetzt war Samstag, kurz nach 21 Uhr, ihre Tannäste und Kerzen lagen auf dem Tisch, zusammen mit Mistelzweigen und Strohsternen – aber der Kranz fehlte. Enttäuscht arrangierte sie einige Äste in ein Kuchenblech, pappte die Kerzen dazwischen und wischte die übrigen Dekorationen in den Abfalleimer. Ihr Mann würde es wohl nicht einmal bemerken, dass es dieses Jahr keinen richtigen Adventskranz gab …

Aufgeregt hüpfte Bianca von einem Bein aufs andere. Wie so oft war ihre Mutter zu spät, um sie von der Schule abzuholen. Und dabei hatte sich doch heute so spannende Neuigkeiten! Immer wieder linste sie erwartungsvoll um die Ecke, aber sie musste sich bis Viertel vor gedulden, bis ihre Mutter endlich anbrauste und mit quietschenden Bremsen zum Stehen kam. «Mama, ich spiele im Krippenspiel …» – «Nicht jetzt!», unterbrach die Mutter, und drückte einen Knopf ihrer Freisprechanlage.

Während sie sich in den Verkehr einfädelte, besprach sie mit irgendeinem Rainer, wie die Präsentation am nächsten Tag ablaufen sollte. Als sie zu Hause ankamen, wartete Papa bereits auf sie, und blaffte wütend: «Na endlich! Ich dachte schon, ihr kommt gar nicht mehr! Du weisst doch, dass ich das Auto brauche – wir spielen heute bei Helmut!» – «Und dein Jassabend ist natürlich wichtiger als meine Präsentation morgen», erwiderte Mama schnippisch, während sie Papa den Autoschlüssel zuwarf und ins Haus ging.

«Papa, hör mal», zupfte Bianca ihn am Ärmel, aber dieser wischte ihre Hand weg und ging zum Auto. Enttäuscht sah Bianca ihm zu, wie er einstieg, um wegzufahren. Als er sah, dass sie immer noch da stand, kurbelte er das Fenster runter und rief ihr zu: «Erzähl es mir morgen, ok?» «Klar, morgen …», murmelte Bianca und schlurfte ins Haus, wo die Mama schon wieder telefonierte …

 

Im Altersheim sassen die Bewohnerinnen und Bewohner im Aufenthaltsraum. Wer konnte, hatte am Vormittag beim Guetzelen geholfen, andere hatten die Tische schön gedeckt, Mandarinen und Nüsse als Dekoration ausgelegt und Kerzen aufgestellt. Heute sollten Familienangehörige und Freunde kommen, um gemeinsam mit ihnen Weihnachtslieder zu singen, Kaffee und Guetzli zu essen und die Vorweihnachtszeit zu geniessen. Die Vorfreude war riesig, sogar bei Frau Payet, die eigentlich gar nicht mehr so richtig verstand, was um sie herum vorging – aber ständig leise vor sich hinsummte: «Il est nait le divine enfant …» Offenbar hatte sie das Lied als kleines Mädchen gelernt, und es blieb in ihrem Gedächtnis, aus dem sonst nach und nach so vieles verschwand. Immer mehr Gäste trudelten ein, scharten sich um ihre Angehörigen, knabberten Nüsse und unterhielten sich mit den Betreuerinnen.

Nur Heinrich sass immer noch beim Eingang, in seinem Rollstuhl, und wartete auf seinen Sohn. «Kommen Sie, Herr Brügger, wir wollen mit Singen anfangen», versuchte die Heimleiterin ihn in den Saal zu schieben. Aber Heinrich wehrte sich: «Nein! Ich warte auf Rolf! Er kommt sicher noch … Sicher steckt er nur im Stau.»

Die Heimleiterin wandte sich schnell ab. Sie wollte nicht, dass Heinrich die Zweifel in ihren Augen sah. Im Saal erklang das erste Lied, und Heinrich sass immer noch da, die Eingangstür fest im Auge. Als das zweite Lied angestimmt wurde, rollte er sich zum Büro der Heimleitung. «Aber er weiss doch, dass wir heute Weihnachtssingen haben, oder?» Die Leiterin nickte: «Ja, ich habe es ihm extra gesagt …» Und mit Blick auf Herrn Brügger fuhr sie fort: «Wissen Sie was? Ich rufe ihn einfach mal an. Ich habe ja seine Handynummer …» Unter den gespannten Blicken von Heinrich griff sie nach dem Telefon und wählte eine Nummer. «Hallo? Rolf Brügger? Heim Sonnenstrahl hier. Ihr Vater wartet auf Sie …» Heinrich konnte hören, wie am anderen Ende gesprochen wurde, aber er verstand nicht, was sein Sohn sagte. Die Heimleiterin sagte ein paar Mal «Mmh …» und «Ja …» und dann: «Ja, richte ich ihm aus! Auf Wiederhören!» Dann legte sie den Hörer auf, trat hinter Heinrichs Rollstuhl und schob ihn zu den anderen in den Aufenthaltsraum. «Ihm ist leider etwas dazwischen gekommen … Aber er hat gesagt, er kommt morgen.» «Morgen?» sagte Heinrich, und schaute traurig in die Runde. «Na, dann halt Morgen …»

Salvatore war genervt. Schon seit Tagen trug er die Wunschliste mit sich herum, die seine Kinder dem Christkind geschrieben hatten. Playmobilfiguren sollten es für den Jüngsten sein – aber natürlich nicht irgendwelche, sondern die aus dem Zoo. Die Tochter wünschte sich ein Buch mit Detektivgeschichten zum Mitraten, und der Älteste wollte ein Spiel, von dem sein Vater noch nie etwas gehört hatte. Und ein Geschenk für seine Frau müsste er wohl auch noch besorgen … Die Geschenke für seine Eltern hat Rita wohl schon besorgt, und auch sonst hat sie das meiste für Weihnachten schon vorbereitet. Aber eben: Für diese Geschenke war er verantwortlich. Vielleicht hätte er doch mit den Einkäufen nicht so lange warten sollen? Jetzt, am 22. Dezember, hatte es so viele Menschen in der Stadt, dass ihn alle paar Meter jemand anrempelte. Nein, so hatte das keinen Sinn! Entschlossen bog Salvatore in eine Nebenstrasse ein, bog einmal links und einmal rechts ab – und setzte sich dann ins Pub. Ah! Das tat gut! Genüsslich nahm er noch einen Schluck Bier und streckte die Beine. «Die Geschenke kann ich auch morgen noch besorgen.» Mit diesem Gedanken schnappte er sich die Zeitung vom Nebentisch und blätterte zum Sportteil: «Morgen ist auch noch ein Tag!»

Es war sechs Uhr morgens, der Wecker klingelte und Herr Ramseier schlug wütend auf den Abschaltknopf. Was soll das? Es war Weihnachten, da musste er doch nicht aufstehen! Seine Frau war schon im Bad, fixfertig angezogen kam sie ans Bett: «Steh auf!», schüttelte sie ihren Mann, «du kommst noch zu spät zur Arbeit!» – «Spinnst du?», schüttelte er ihre Hand ab, «heute ist Weihnachten!»

Zur selben Zeit polterte Bianca an die Schlafzimmertür ihrer Eltern: «Was ist? Kriege ich heute kein Frühstück vor der Schule?» Ihre Mutter rieb sich schläfrig die Augen, der Vater warf einen Blick auf die Uhr. Spinnst du?», rief er durch die verschlossene Tür, «heute ist Weihnachten!»

Etwas später, im Altersheim, stand Rolf vor Heinrichs Tür, aber dieser war nicht da. «Herr Brügger ist beim Arzt», meinte die Heimleiterin. «Nichts Schlimmes, nur die üblichen Kontrollen.» «Aber das geht doch nicht!», sagte Rolf, und schaute etwas hilflos auf die Geschenkpackung Pralinen in seiner Hand, «heute ist doch Weihnachten!»

Und gerade, als er den Kopf schüttelte, rannten die Kinder von Salvatore davon, nach draussen: «Wir gehen Eislaufen mit Max und Sarah!» Salvatore schaute auf die Gutscheine, die er kurz nach Mitternacht noch gebastelt hatte, weil es für den Einkauf der Geschenke dann doch nicht mehr gereicht hatte, und rief ihnen etwas hilflos hinterher: «Aber heute ist doch Weihnachten!»

Und in vier Haushalten erklang, zusammen mit den Kirchenglocken, was niemand zu bemerken schien, der Satz:

«Weihnachten? – Weihnachten ist morgen!»

Und während Herr Ramseier, Biancas Eltern, Rolf und Salvatore nachdachten, wie es denn sein konnte, dass nach dem 24. Dezember nicht der 25. kam, lächelte der Erzengel Gabriel und schob ein weiteres, leeres Blatt in den himmlischen Kalender. Er hatte noch so einige «Morgen» gesammelt – er konnte das Spiel noch eine Weile spielen. Sicher aber bis morgen …

 

Die Schreib-Lounge wünschrt besinnliche Weihnachten – und einen guten Rutsch ins neue Jahr!