Dick, dumm und disziplinlos

Bis vor kurzem gehörte ich zu den Menschen mit sichtbarem Übergewicht – genauer gesagt, mit morbider Adipositas. Und war damit – für alle sichtbar – dick, dumm und disziplinlos. Mit einem BMI über 40, so schien es, sank der mir zugesprochene IQ auf irgendwas um 60. Wildfremde Menschen massen sich an, mir Tipps und Ratschläge zu geben (im besten Fall), mich zu massregeln oder zu beschimpfen. Man sagte mir, was ich im Restaurant bestellen oder weglassen sollte, brachte mir Artikel oder Bücher zum Thema Ernährungspyramide oder Sport und  zeigte mir, offen oder versteckt, dass ich einfach nur zu disziplinlos war, mein Fressen zu zügeln; zu dumm, um zu merken, was mit meinem Körper passierte, und zu dick, als dass man vor mir Respekt haben könnte.

Klar, es gab Ausnahmen – gerade auch beruflich wurde ich meist sehr geschätzt. Aber immer wieder geschahen Dinge, die sich wohl nur extrem schlanke Menschen (im anderen Extrem und mit umgekehrten Vorzeichen) gefallen lassen mussten:

So nahm mir einmal, als ich in der Migros für meine Tante Pralinen kaufen wollte (und nein, das war keine Ausrede!) eine wildfremde Frau die Packung aus der Hand und „empfahl“ mir, statt dessen lieber Früchte zu kaufen. Und als ich einmal am Buffet in der Kantine einen hübschen Salatteller zusammenstellte, tuschelte eine „Kollegin“ hinter mir: «Hier tut sie so gesund – aber man sieht ja, was sie zu Hause in sich reinstopft!» Als Dicke kannst du nicht gewinnen: Isst du, bist du masslos, verfressen, gierig, süchtig und lässt dich gehen; machst du Diät, sagt man dir: «Das schaffst du ohnehin nicht!» und ernährst du dich gesund und ausgewogen, so wirft man dir vor, dass du heuchelst …

Es ist schwierig, jeweils richtig zu reagieren – und manchmal hat es selbst mir die Sprache verschlagen, die ich ja schon von Berufes wegen schlagfertig und beredt bin. Man versucht dann weg zu hören, versinkt in sich selber oder erstarrt zu Eis – und wünscht sich, man könnte in das berühmte Mauseloch versinken, wenn es denn deren Löcher in XXXXXL gäbe … Ja, auch (Selbst-)Ironie kann ein Schutzmantel sein – wenn auch ein löchriger.

DSCN2067

Umso mehr hat mich beeindruckt, wie sich ein einziges Mal (!) jemand vehement für mich gewehrt hat – ein Kellner im Speisewagen: ich war auf der Rückreise von einem Dolmetschauftrag (7x 15 Minuten Simultandolmetschen, 4x von Deutsch auf Englisch, 3x umgekehrt, hochtechnisch und nur mit kürzesten Pausen dazwischen, während der eine Redner das Pult verliess, um den anderen Platz zu machen). Ich hatte am frühen Morgen einen Kaffee und ein Gipfeli gehabt, war dann von Zürich nach Biel gefahren, hatte mich mit der Technik abgesprochen und dann gearbeitet, wobei ich nur ab und zu stilles Wasser trank. Also nutzte ich die Zeit der Rückreise für ein verspätetes Mittagessen. Ich bestellte ein Wasser und einen Tagesteller. Und dann, zum Dessert, einen Kaffee mit einem Mini-Gugelhöpfli – das Tagesspezial. Da bellte mich ein Mann, der zwei Tische weiter sass, an: «Muss das jetzt auch noch sein, du fette Sau! Hast du nicht schon genug gefressen?!» Ich erstarrte zuerst, wollte dann gerade Luft holen, um mich zu rechtfertigen (!), da trat der Kellner an den Tisch des Mannes, knallte das Portemonnaie hin und sagte: «Sie bezahlen jetzt!» Der andere wollte davon nichts wissen, er reise bis Zürich, aber der Kellner blieb unerbittlich: Er kassierte ein und betonte: «Die Dame hat ein Recht, Ihr Essen unbelästigt zu geniessen.» Ich hätte ihn umarmen können … Und schämte mich gleichzeitig in Grund und Boden, wegen des Aufsehens, das meinetwegen entstanden war.

Ach ja: Auch heute bin ich nicht geheilt – auch wenn ich mit meinem BMI von 32 nur noch zu Adipositas Stufe 1 gehöre. Ich habe sogar die Chance, bis in ca. 18 Monaten nur noch übergewichtig oder sogar normalgewichtig zu sein (das Idealgewicht ist aber definitiv ausser Reichweite). Wie ich das geschafft habe? Nicht durch Intelligenz oder Disziplin (obschon beides auch nicht schadet), sondern durch medizinische Hilfe. Und ja, in meiner eigenen Wahrnehmung bin ich immer noch der selbe Mensch, die ich vorher war. Und immer noch dünnhäutig, wenn ich solche Sätze höre – auch wenn sie jetzt nicht mehr mich selber betreffen.

Was ich mir von der Gesellschaft und den Medien wünsche?

Dass sie Menschen mit krankhaftem Übergewicht respektvoll behandeln, dass sie nicht abgewertet und geschmäht werden. Und dass sie, wie ich, die Hilfe bekommen, die man bei anderen Krankheiten auch erhält. Oder habt ihr schon mal gehört, dass jemand einem Menschen mit gebrochenem Bein gesagt hat: Nun reiss dich doch zusammen, mach deine Übungen – mit etwas Disziplin kriegst du das hin!

 

Das vollständige Programm und weitere Blogs der BloggerThemenTage findet ihr auf Quergedachtes

 

 

 

Flattr this!

5 Gedanken zu „Dick, dumm und disziplinlos

  1. In Vorbereitung auf die neuen BloggerThemenTage von Quergedachtes bin ich hier gelandet.
    Es ist wirklich ein Armutszeugnis, das deine Anekdoten unserer Gesellschaft ausstellen. Um so „schöner“ ist die eine Begebenheit mit dem Kellner! Auch wenn es natürlich viel schöner wäre, wenn es gar nicht erst dazu hätte kommen müssen.

    Versuch stark zu bleiben!

  2. also da kann ich Sabine Engelhardt nur Recht geben !! das ist ja …. habe keine Worte dafür. Frech ist noch zu nett und das andere wollen wir nicht aussprechen.

    Wie ihr bin auch ich übergewichtig, also adipös nicht nur ein Pummelchen. Und klar wurde ich schon mal doof angeschaut wenn ich mir unterwegs ein Brötchen gegönnt habe, da ich den ganzen Tag noch nichts gegessen habe. Aber sowas ist mir wirklich noch nie wieder fahren, wehe dem …. der hätte sich dann was geschämt. Aber eben ….. bin schon seit Teenager daran gewöhnt deswegen doof angeschaut zu werden und habe mich dann auch gelernt mich zu wehren.

    Nicht aufgeben Ladys, wir packen das

  3. Und schämte mich gleichzeitig in Grund und Boden, wegen des Aufsehens, das meinetwegen entstanden war.

    Das Aufsehen ist nicht wegen Dir entstanden, sondern weil der Typ sich nicht benehmen konnte.

    Ich bin selbst übergewichtig, aber solche „Dinger“ habe ich zum Glück noch nicht erlebt. Das heißt nicht, daß ich noch nie deswegen „angemacht“ worden wäre, aber halt nicht in diesem teils doch sehr aufdringlichen Maß. Pralinen aus der Hand nehmen, im Supermarkt? Das würde die Person bei mir nur einmal probieren. 🙂

    Gruß, Frosch (die den Artikel über #EinfachSein gefunden hat)

Kommentare sind geschlossen.