Wenn selbst Behinderte Behinderte behindern …

Ein Gastbeitrag von Ingrid Weinigel

Meine Kollegin hat mich auf die Aktion #EinfachSein aufmerksam gemacht – BloggerThemenTage, die dem Umgang von Medien und Gesellschaft gewidmet sind. Ich habe zwar keinen eigenen Blog – aber als MS-Betroffene einiges zum Thema zu sagen. Daher nutze ich die Gelegenheit, mich als Gastautorin auf dem Schreib-Lounge-Blog zu äussern:

Meine MS zwingt mich, an Krücken zu gehen – und als Folge kommt es immer wieder zu Szenen, die mich wütend machen: Ich treffe auf hilfsbereite Menschen, die mir aufgrund der Krücken helfen – aber gleichzeitig mit mir reden, als wäre ich geistig behindert oder ein kleines Kind. Meistens entschuldige ich das oder versuche drüber hinwegzusehen; die kennen mich ja nicht, wissen nicht, wie gewitzt und witzig ich bin – ihr kennt das.

Doch vor nicht allzu langer Zeit ist mir aber innerhalb von einem Monat gleich zwei Mal etwas widerfahren, das meine gesamte Beherrschung verlangt hat:

Ich bin beruflich als freie Dozentin in der Erwachsenenbildung tätig. Der Bildungsträger, für den ich schon seit ein paar Jahren arbeite, kennt mich gut und bucht mich immer wieder. Also wundere ich mich nicht, als mich einer der Filialleiter, ein Sozialpädagoge, in sein Büro ruft. Doch statt mir einen neuen Auftrag zu erteilen, erklärt er mir in einem Tonfall, als wäre mein IQ plötzlich auf 30 geschrumpft, ich wäre nicht mehr tragbar, weil ich mich nur auf Krücken fortbewegen könne. Dabei zeigt er auf meine Hilfsmittel, als ob ich sonst nicht verstünde, wovon er spricht.

Eine Woche später, in einer anderen Filiale desselben Bildungsträgers, kommt eine Kollegin zu mir und fängt an, mit mir wie mit einem kleinen, verlorenen Kind zu sprechen. Ich wartete nur noch darauf, dass sie in  Babysprache verfiel  …! Und ja, beide Male habe ich mich tierisch aufgeregt!

Aber noch mehr ärgerte ich über etwas, was wenig später mir passierte:

Seit meiner Kindheit kenne ich einen Mann, der von Geburt an spastisch gelähmt ist, d.h. er kann nur schlecht gehen und hat auch beim Sprechen Probleme. Als Kinder war das für uns normal, wir haben es nicht anderes gekannt und uns nicht daran gestört. Und da er uns immer wieder bei den Mathehausaufgaben half, hatten wir ihm auch nie böse mitgespielt, wie das Kinder sonst manchmal machen …

Ich habe ihn schon ziemlich lange nicht mehr gesehen, und als ich ihn kürzlich traf, war er nicht nur älter geworden (wie ich auch): Seine Aussprache hatte sich ebenfalls verschlechtert – und ich war auch nicht mehr so daran gewohnt, ihn zu verstehen.

Und was machte ich, als ich ihn so schlecht verstand?

Ich spKrückenrach immer lauter, in immer einfacheren Sätzen, wie zu einem Idioten! Machte also genau das, was ich selbst anprangere und so überhaupt nicht leiden kann, wenn man es mit mir macht.  Und habe mich, rückblickend, darüber sehr aufgeregt.

Mein Fazit:

Nicht nur unsere Umgebung sollte sich die Frage stellen, wieso körperliche Behinderungen dieses inakzeptable Verhalten auslösen – auch wir müssen uns immer wieder beobachten und hinterfragen. Wir dürfen nicht zu oberflächlich und bequem sein, um adäquat zu reagieren. Ich jedenfalls werde das nächste Mal – hoffentlich – bewusster reagieren. Und vielleicht einfach nachfragen, wenn ich unsicher bin: «Verstehst du mich besser, wenn ich lauter (langsamer, deutlicher) spreche? »

 Das vollständige Programm und weitere Blogs der BloggerThemenTage findet ihr auf Quergedachtes

 

 

(c) Foto: Bigstockphoto.com; Logo: Sabine Kiefer 

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6 Gedanken zu „Wenn selbst Behinderte Behinderte behindern …

  1. „aber gleichzeitig mit mir reden, als wäre ich geistig behindert oder ein kleines Kind.“
    Erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung sind in erster Linie erwachsene Menschen. Und so kann man (meist) auch mit ihnen reden. Es gilt also auch hier: Erst mal „ganz normal“ sprechen und dann flexibel reagieren. Also schauen, ob es nötig ist, eine einfache Sprache zu verwenden. Und schon versteht man sich prächtig. 🙂

    1. Stimmt, dieses so reden fängt ja schon damit an, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen wie selbstverständlich geduzt werden- ob nun geistig behindert oder „Ausländer“ spielt dabei keine Rolle, geduzt werden beide Gruppen in schöner Regelmäßigkeit.

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