Europa und ich

Normalerweise nutze ich diesen Blog nicht für politische Diskussionen (das mache ich meist auf Twitter und gelegentlich auf Facebook), aber am Tag nach #MEI mache ich eine Ausnahme. Mich hat der gestrige Tag tief getroffen. Erst das Resultat – dann die anschliessende Diskussion. Ja, auch ich hatte in den letzten Tagen gemerkt, dass es eng werden könnte. Und ja, ich hatte mit diskutiert und online und offline dazu ermuntert, stimmen zu gehen. Und dann dies:

Wie 1970 und 1992 musste ich meinen ausländischen FreundInnen zu erklären versuchen, dass sie willkommen seien – bei mir sowieso, und bei 49 % der Stimmenden auch, aber dann wurde es schon enger: 53% der Stimmenden lehnten sie, zumindest als anonyme Masse ab (Ausnahmen sind natürlich immer möglich: Der nette Kellner in der Pizzeria, die philippinische Pflegerin im Altersheim oder die deutsche Putzfrau, hier um die Ecke), und bei den 44%, die gar nicht erst stimmen gingen, weiss man nicht so recht …

1970, bei der Schwarzenbach-Initiative, war ich 9 Jahre alt.
Ich erinnere mich an gehässige Diskussionen, an besonnene Erklärungsversuche meine Vaters und an meine tränenreiche Frage, ob Natalino gehen müsse, wenn die Initiative angenommen würde.

1992 engagierte ich mich stark für ein Ja zum EWR:
Ich hatte da schon im Ausland und in der Schweiz gelebt und gearbeitet und war in einem Übersetzungsbüro tätig, wo ich mit ÜbersetzerInnen aus ganz Europa und teilweise sogar von weiter weg arbeitete. Ich war Mitglied im DRS-Stammtisch, wo wir mit Befürwortern und Gegnern diskutierten und lernte damals Hern Blocher persönlich kennen. Das NEIN machte mir damals sehr zu schaffen – und ich hatte Mühe, es meinen KollegInnen zu erklären. Nicht aber damit, es zu akzeptieren: Es war ein demokratischer Entscheid. Was nicht hiess, dass er sakrosankt war: Es gibt in der Geschichte der Schweiz einige Themen, bei denen es mehrere Anläufe brauchte, um auf den jetzigen Stand zu kommen (Stichworte Frauenstimmrecht, Sommerzeit).

Komischerweise empfand ich mich selbst nie wirklich als Schweizerin.
Zu zufällig erschien mir diese Bezeichnung, zu ungenau. Ich weiss noch, dass seinerzeit ein Witz kursierte: Fritzli, warum willst du kein Geschwister mehr? – Der Lehrer hat gesagt, jedes 5. Kind wäre ein Chinese! Den verstehen wir ja gar nicht! – Ich war das Dritte … Chance verpasst! Und während der ganzen Schwerzenbachsache wollte ich ernsthaft wissen, ob ich Italienerin würde, wenn ich noch mehr Spaghetti ässe?
Als ich in Schottland als Assistant Teacher for German Language lehrte, wurde ich meist vorgestellt mit: Our German Assistant – she’s Swiss. Die Leute waren dann immer sehr freundlich zu mir, auch die älteren. Mein Kollege, den ich an der Uni in Glasgow kennen lernte, machte andere Erfahrungen, gerade mit den Älteren. Er war gleich alt wie ich, hatte die selbe Ausbildung – aber er war eben our German German Assistant … Ein paar Kilometer Luftlinie nur, aber er wurde verantwortlich gemacht für die ganzen Folgen eines Krieges, für den er genauso wenig oder so viel konnte wie ich. An der Uni, dem speziellen Kurs für Foreign Assistants, waren wir übrigens ein knappes Dutzend Nationen – ich streifte meist mit einer Spanierin, einer Französin und besagtem Deutschen durch die Gegend, und wir waren einfach eine coole Truppe. Alles Weisse, alle sprach- und literaturbegeistert – das Verbindende war viel stärker als das Trennende.

1992 trat das Trennende plötzlich sehr stark in mein Leben:

Hier wir, die Europa-Befürworter – je nach Forum auch Verräter genannt –, da die Europa-Gegner oder Europa-Skeptiker, oft Bewahrer genannt. Und auf der anderen Seite meine FreundInnen aus aller Welt, die nicht verstehen konnten, wieso das kleine Land im Herzen Europas, das einige von ihnen so ausdauernd mit Schweden verwechselten, wieso das nicht Teil von Europa sein sollte. Die Schweiz ist nicht Teil von etwas – sie ist einfach. Oder auch nicht, denn einige Jahre später hiess es, La Suisse n’existe pas, und auch das musste ich wieder erklären, ohne es selbst wirklich zu verstehen. Als Bücherwurm wusste ich, dass man jede Geschichte so und auch anders erzählen konnte. Ein paar Änderungen im Skript – und die Geschichte, ja die Grenze der Schweiz wäre eine andere. Also wieso stolz sein auf etwas, was eher ein Zufall war? Wäre ich nur ein paar Kilometer in eine andere Richtung inkarniert, wäre ich Deutsche, Französin oder Italienerin geworden …

In den Diskussionen damals merkte ich: Stolz bin ich nicht auf Zufälle, sondern auf Leistung. Und da konnte ich mich mit einigen „Bewahrern“ gut verständigen, denn es gibt einiges, was „Die Schweiz“ geleistet hat, auf das man stolz sein kann. Und ja, es gibt auch anderes. Und es gibt andere Nationen, die Grossartiges geleistet haben. Also schien auch das für mich ein untaugliches Mittel zur Identifikation. Europäerin – im Sinne von weiss, in Europa geboren und lebend, mit der abendländischen Kultur und einigen derer Sprachen aufgewachsen und verwurzelt, da erkannte ich mich wieder. Mehr nicht.

Als die Diskussion zur Masseneinwanderungsinitiative losging, diskutierte ich mit.
Weniger engagiert als damals, weil ich mich in einem Umfeld bewege, in dem die meisten Menschen offen sind für fremde Kulturen, viel Reisen – oder sogar eben aus anderen Kulturen stammen.  Uns war klar, dass die Initiative ein untaugliches Mittel war, um die real existierenden Probleme zu lösen.

Weniger Ausländer = weniger Probleme – das konnte nicht aufgehen:
Die AusländerInnen sind ja nicht Arbeit-Entreisser, die uns SchweizerInnen von unseren Arbeitsplätzen „blitzdingsen“: Es sind Arbeit-NehmerInnen, welche diese Arbeit von Arbeit-GeberInnen erhalten, die in der Schweiz entweder keine KandidatInnen finden (Stichwort Spezialistenmangel, Tieflohnberufe oder „unattraktive“ Berufe mit Nacht- und Schichtarbeit etc.). Um dieses Problem zu lösen, stünde Gesellschaft und Wirtschaft in der Pflicht: Es müsste mehr in Ausbildung investiert werden, Mindestlöhne und attraktivere Arbeitsbedingungen müssten gewisse Jobs aufwerten, damit diese auch für SchweizerInnen wieder attraktiv wären. Analoge Diskussionen könnte man rund um den Wohnungsmarkt oder um Herrn Mörgelis Sitzplatzproblem führen.

Und die Diskussionen wurden auch geführt – nur, und das ist mir gestern erst so richtig bewusst geworden,  offenbar zu einem grossen Teil auf unterschiedlichen Plattformen: Auf Twitter war man fast einhellig erschrocken und betroffen über das Abstimmungsresultat – auf den Kommentarseiten der Newsportale herrschte vorwiegend Jubel.

Hatten Befürworter und Gegner mehrheitlich untereinander diskutiert, und zu wenig miteinander?
Würde wohl einiges erklären … Vielleicht auch die fatale Reaktion, die danach bei vielen aufkam – auch unter meinen FreundInnen: Das sich schämen bzw. sich entschuldigen für das Resultat.

Wer sich für dieses Resultat schämt, wertet 50,3% der stimmenden Schweizer ab!

Für mich ist das – bei aller Betroffenheit – eine anmassende Reaktion. Ja, ich hätte mir ein anderes Resultat gewünscht. Ja, ich bedaure, dass ich mich nicht vorher auf den Kommentarseiten der Newsportalte eingemischt hatte (ohne zu wissen, ob ich da etwas hätte ändern können).

Aber: Die Menschen, die Ja gestimmt haben, haben ihre Gründe.
Es gibt real existierende Probleme und Ängste. Die SVP hat die Lösung dieser Probleme mit der Ausländerfrage verknüpft – also tun sie das auch.
Wirtschaft und Gesellschaft haben zwar gesagt: Nö, so direkt stimmt das nicht,  und haben deswegen die Initiative abgelehnt – haben es aber versäumt, Lösungen oder Lösungswege für die Probleme zu liefern, die ja eben da sind. Oder zumindest glaubhaft zu zeigen, dass sie (wir, als Gesellschaft) an solchen Lösungen arbeiten.

Kann man es da den Leuten verübeln, wenn sie denken:
Mag sein, dass es nix hilft – aber wir können es ja probieren? Oder: Setzen wir mal ein Zeichen, dass es uns so, wie es jetzt läuft, nicht gefällt?

Sich schämen für das Resultat?
Das hiesse für mich, 50,3% der stimmenden Schweiz wie ungezogene Kinder zu behandeln, die sich schlecht benommen haben. Das geht gar nicht!

Was ich mir wünsche:

Dass wir jetzt wirklich miteinander reden — nicht untereinander.
Dass wir, die wir vom Ausgang der Initiative so betroffen und traurig gestimmt sind, sagen, was uns verletzt: Dass KollegInnen uns fragen, ob sie hier überhaupt noch Willkommen sind. Dass die Frage zirkuliert, ob in Zukunft SVP-Frauen im Pflegeheim Popos wischen. Dass wir wissen möchten, wie man Kontigente schafft, ohne bestehende Verträge oder sogar Menschenrechte zu verletzen. Ich möchte auch hören, was die 50,3% sagen, was sie sich erhoffen. Wie sie sich den weiteren Weg vorstellen – und, vor allem von Seiten der SVP– wie sie diesen mitgestalten. Denn nicht nur der Bundesrat ist jetzt in der Pflicht, wie es überall heisst. Sondern wir alle. Schiesslich heisst es ja jetzt überall:

DIE SCHWEIZ hat entschieden …