Tunesien, 29.12.13, Teil 2

Vor dem Nachtessen hatten wir ein längeres Gespräch mit dem „kleinen Chef“, der übrigens sehr gut Deutsch spricht. Er erzählte uns, dass es gestern im Speisesaal eine Schlägerei gegeben habe, weil ein betrunkener Algerier eine europäische Frau abgebaggert habe, die mit ihrem tunesischen Freund hier war. Erst wehrte sich der Tunesier verbal, aber als der Algerier im Suff dessen Mutter beleidigte, haute ihm der Tunesier eine rein. Der Algerier wollte sich wehren, torkelte aber und stiess eine junge Tunesierin über den Haufen, worauf deren Mann und ein Kellner eingriffen. Ab da (!) sei die Lage eskaliert … Immerhin verstehen wir jetzt, weshalb seit heute alle Hard Drinks von der Karte und der Bar verschwunden sind. Zwar erhielten Christine und ich dennoch einen Martini, aber nicht pur, sonder stark mit Wasser verdünnt. Zum gleichen Preis, natürlich.

Der kleine Chef erzählte weiter, es sei eigentlich nicht möglich, Tunesier und Europäer im selben Hotel glücklich zu machen: Die Tunesier blieben meistens nur übers Wochenende, wollten feiern, saufen und essen – viel essen, schliesslich hatten sie dafür bezahlt. Am liebsten Brot und Nudeln, viel Rotes und viel Süsses. Über 60% der Ware lande anschliessend im Mülleimer, weshalb bei der Zubereitung am Wochenende eher günstige Lebensmittel zum Zug käme. Das Silvestermenü ist dagegen sehr erlesen – da werden aber praktisch nur Europäer da sein, das können sich die Araber mit ihren grossen Familien nicht leisten. Auch er meint, es sei für seine Küchenmannschaft eine Qual, jeden Tag so viele Nahrungsmittel wegzuschmeissen – und zu wissen, dass ihre Lieben zu Hause sich über einen kleinen Anteil davon unendlich freuen würden. Aber sie hätten keine Wahl: Nur mit den Europäern können sie im Winter nicht überleben, denn die Russen und Bulgaren, die im Sommer recht viel Geld bringen, bleiben im Winter aus, da es keine Charterflüge gibt. Ich weiss nicht, wie viel hier ein Koch oder Kellner verdient – der Mindestlohn liege bei 350 Dinar pro Monat, sagt Christine. Ihr Exfreund verdiente pro Tag 30 Dinar, also ungefähr 20 Franken, für 10 Dinar kann man in einheimischen Lokalen essen und trinken.

Dem kleinen Chef und seiner Familie gehe es den Umständen entsprechend noch gut, aber er macht sich Sorgen um dir Zukunft – auch gerade seiner Töchter, da Fundamentalisten gezielt Frauen angriffen. Die schleichende Islamisierung macht ihm entsprechend Angst, und er ist enttäuscht über die Haltung der Europäer, die sich weitgehend aus den Konflikten heraushalten, solange die Öl- und Gaslieferungen klappten. Zwar sagt auch er, die Tunesier seien keine Europäer, sondern Araber, Berber und Muslime, aber die Probleme seien nicht alle hausgemacht, die Europäer hätten einiges dazu beigetragen. Und wenn der Konflikt hier nicht gelöst werde bzw. wenn von Lybien aus immer noch mehr Islamisten und Terroristen ins Land kämen, wäre auch Europa früher oder später betroffen. Man spürt seine Liebe zum Land – und die Angst, dass noch mehr kaputt gehen könnte. Er freut sich über unsere nuancierte Sichtweise, erkennt aber auch, dass z.B. die Lärmbelastung für unsereiner zu gross ist, als dass man von erholsamen Ferien sprechen könnte. „Ich versuche, beiden Seiten gerecht zu werden. Ich habe den Verstärker extra um 11 abstellen lassen. Aber die haben halt einfach ohne weitergefeiert … “ Ab morgen sei es wieder ruhiger, da würden die meisten Araber abreisen. Sprichts und schickt uns ans Buffet – bevor die Meute einfällt.

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