Essen in der Öffentlichkeit

 Was würdest du öffentlich essen?

  • Apfel oder sonst eine Frucht
  • Glace
  • Big Mac und Pommes
  • Schoggi
  • Salat vom Take-away
  • Eine Bratwurst mit Brot

Falls du mehr als 2 Sachen angekreuzt hast, bist du entweder ein Mann unter 150 Kilo – oder eine Frau, die maximal Grösse 40 trägt. Wetten?

Okay, vielleicht habe ich ein Kitzekleines vereinfacht, aber ehrlich: Die Reaktionen der Menschen auf essende Menschen in der Öffentlichkeit ist schon sehr seltsam. Normalgewichtige Männer und Frauen dürfen im öffentlichen Raum fast alles essen, solange dabei keine grossen Geruchsemissionen entstehen. Männer, die etwas rundlicher sind, werden ebenfalls kaum angepöbelt: «Die verbrennen das wieder, die arbeiten ja hart!»

Aber wehe, eine Frau mit einem BMI über 25 wagt es, genussvoll in einen Big Mac zu beissen oder nach einem Hauptgang noch ein Dessert zu bestellen. Schräge Blicke sind da garantiert! Und steigt der BMI über 30, kommen die Kommentare – nota bene von wildfremden Menschen, gerade auch von Männern, deren BMI nicht durch Bodybuilding optimiert worden ist: «Muss das sein?» ist dabei noch die freundlichste Variante. «Bist du nicht schon fett genug?» «Salat wäre für dich gesünder!» oder «Du würdest auch besser Sport machen als mitten am Nachmittag zu fressen!» sind alles Sätze, die man mir schon um die Ohren gehauen hat.

Wenn ich auf solche Angriffe nicht reagieren konnte, dann nicht, weil es unhöflich gewesen wäre, mit vollem Mund zu sprechen, sondern weil es mir die Sprache verschlug. Denn irgendwie fühlte ich mich ja immer etwas schuldig, schliesslich WAR ich zu dick, ASS ich mitten am Nachmittag, und da half es auch nicht zu wissen, dass mein Gewicht seit über 10 Jahren stabil war. (Nur der Vollständigkeit halber: Meine Freundin, die sehr gross und sehr schlank ist, hört oft genau das Gegenteil, wenn sie einen Salat ist: «Du würdest gescheiter was Richtiges essen!» Offenbar gibt jede Abweichung von der Norm das Recht, Frauen zu kritisieren.)

Ich lernte, mich zu verkrümeln, wenn ich essen wollte – oder mich prophylaktisch zu entschuldigen: «Ja, ich weiss, nicht das Gesündeste – aber das einzige, was ich nach meiner Nachtschicht um diese Zeit erhalten konnte …» Oder ich ass einen Apfel, statt eines Sandwiches, auch wenn dieser meinen Hunger nicht mal ansatzweise zu stillen vermochte.

2011 liess ich mir einen Magenbypass operieren.
Meine Hausärztin sprach Klartext: Entweder gibt’s in den nächsten drei Jahren zwei künstliche Kniegelenke und evtl. eine neue Hüfte – oder ich trenne mich endlich von meinem Übergewicht, das mich begleitet, seit meiner Kindheit. Dank OP, Ernährungsberatung, Sport und psychologischer Betreuung erreichte ich einen BMI unter 30 und zog kurz danach an einen neuen Wohnort, wo man mich nur normalgewichtig kennt. Problem gelöst, oder? Mitnichten – meine Probleme begannen erst!

Denn nun macht man(n) mich zur Komplizin:
Wo immer eine dicke Frau in der Öffentlichkeit isst, fühlen sich Kunden, Nachbarinnen oder Fremde bemüssigt, mich anzustupsen: «Hast du die da gesehen? Frisst wohl ihren ganzen Frust in sich hinein?» – «Wenn ich so wie die aussähe, müsste ich mich auch mit Glace vollstopfen!» – «Dass die sich nicht schämt …»

Und wieder kämpfe ich damit, dass es mir die Sprache verschlägt.
Nur, dass das nicht mehr lange anhält. Denn vor einiger Zeit sagte eine dieser Nörgelnden einen Satz, der mir die Sprache zurückgab: «Also, wenn ich so aussehen würde wie die, ich würde mich erschiessen!» Da zückte ich mein Handy und zeigte ihr Bilder von mir, wie ich vor der OP ausgesehen hatte, mit 123 Kilos. Dann stand ich auf und sagte: «Wenn du dich damals nicht mit mir gezeigt hättest, möchte ich auch jetzt nicht in deiner Nähe sein.» Und ging, am Glacestand vorbei, nach Hause. Auch wenn ich jetzt wohl ohne Aufsehen ein Magnum hätte geniessen dürfen …

4 Gedanken zu „Essen in der Öffentlichkeit

  1. Meine Devise lautet schlicht und einfach: alle Menschen nehmen wie sie sind. Nicht das Aussehen ist wichtig, sondern was dahinter steckt. Ich persönlich esse auch in der Öffentlichkeit was mir im Moment passt, ohne an meine Linie zu denken! Mögen andere dabei denken was sie wollen!

  2. Schwieriges Thema. Schwierig drum, weil ich immer zwei Lager sehe: Dicke und Dünne. Man darf nichts über Dicke sagen, sonst ist man böse, allerdings erlebe ich so oft, wie (gerade Menschen mit mehr Umfang) über Dünne lästern, von Magersüchtig über Skelett hin zu Kleiderbügel gibt es alles, Weiblichkeit wird einem mangels Rundungen abgesprochen und man hört, dass man mit Sahne vollgestopft werden sollte und ähnliches. Wenn man friert, ist das nur, weil an einem ja nichts dran ist und krank wird man auch nur daraum. Wenn man es wagt, etwas dagegen zu sagen, kriegt man zu hören, dass man es ja viel leichter hätte als Dünne, was vermutlich solche Ausfälligkeiten rechtfertigen soll.

    Es mag sein, dass die Gesellschaft grundsätzlich toleranter ist gegen Dünne. Trotzdem kann es sehr verletzen, zu hören, wieso man einen BH trägt, wenn doch gar nichts zu halten ist, und ähnliches mehr.

    Ich bin hier (wie bei vielen anderen Themen) der Meinung, dass die Lösung nicht darin besteht, für die einen mehr Rechte zu suchen. Die Lösung besteht darin, zu lernen, dass Menschen verschieden sind und jede Ausprägung das gleiche Recht auf Toleranz, Respekt und Verständnis hat. Es sollte kein Gegeneinander geben zwischen Gegensätzen, sondern ein Miteinander als Menschen. Das scheint aber wohl zu utopisch, da der Mensch sich gerne in Opposition stellt, das ein Naturbedürfnis des Menschen zu sein scheint, weil man nur aus der Oppositionshaltung heraus sich selber positionieren kann.

    Und: Ich esse kaum was davon in der Öffentlichkeit, weil ich schlicht nicht gerne im Gehen oder sonst draussen esse. 😉

    1. Absolut deiner Meinung! Hab das ja angetönt, dass Dünne genauso kritisiert werden – und bin wie du der Ansicht, dass RESPEKT der springende Punkt sein muss.

Kommentare sind geschlossen.