Bern – Neuchâtel – Estavayer au Lac

Als ich vor einiger Zeit realisierte, dass ich aus privaten Gründen am 9. September nach Bern fahren würde, entschied ich spontan, mir einen Frei-Tag zu schenken, statt am selben Abend wieder nach Hause zu fahren. Fix geplant war ausser dem privaten Termin an späten Nachmittag nur ein Besuch im Berner Münster – ansonsten wollte ich die Stadt, die ich ja aus meiner Studien- und frühen Berufszeit kannte, mal so erkunden, wie ich das normalerweise auf meinen Ausflügen mache: Einfach meiner Intuition folgend.

Da ich alte Muster durchbrechen wollte, passte es auch gut, dass mir genau an dem Tag ein mir unbekanntes Hotel in die Timeline gespült wurde – das Hotel Landhaus by Albert und Frida, und die Website müsst ihr euch wirklich reinziehen! Das uralte Haus, aber eher junge Hotel ist verrückt schräg – und das liegt nicht nur daran, dass in den Räumen wohl kaum ein richtiger rechter Winkel zu finden ist. Albert und Frida, die Gastgeber, sind omnipräsent – aber völlig fiktiv. Alle Räume sind individuell ausgestattet, in einem Stil, der aus dem Rahmen fällt – obschon gerade Rahmen ein häufig eingesetztes Stilmittel sind. Die Bilder dazu findet ihr in der Slideshow. Geschmunzelt habe ich über die Geburtentafel beim Nachbarhaus: Waren da doch gleich zwei meiner Patenkinder angesprochen …

Die Anreise verlief problemlos, ich genoss den Spaziergang durch die Lauben und meinen privaten Termin. Gerne hätte ich noch am Abend das Münster besucht, in der Hoffnung, die Orgel spielen zu hören. Neben alten Orgeln kommt hier auch eine Forschungsorgel zum Einsatz. Aber da hatte ich Pech: Geschlossene Gesellschaft – der Förderverein hatte ein Treffen. Der freundliche Sigrist wies mich darauf hin, dass ich mich dafür am Freitag von 10 bis 18 Uhr gratis umsehen könne. Und an der Aussenwand gab es schon viel zu lesen – inklusive einem Link zu interaktivem Erleben: https://www.bernermuenster.ch/

Apropos Sigrist: Der ehemalige SBB-Angestellte  Felix Gerber ist seinerzeit offenbar eine ziemliche Berühmtheit – nicht zuletzt wegen seines Engagements zur Einbindung des Glockengeläuts in die Liturgie, wie diese Artikel zeigen: Bund, Schweizer Familie, Bärnerbär.

Da im lauschigen, aber winzigen Gartenrestaurant im Landhaus alle Tische besetzt waren, unternahm ich einen Abendspaziergang und liess mich im Café Restaurant Postgasse verwöhnen. Das Lokal kannte ich von früher (gell, Karin!), und es war eine Freude, der extrem aufgestellten Bedienung zuzusehen, die sich – trotz Riesenandrang – nicht aus der Ruhe bringen liess. Mein Salat mit Gemüse, Früchten und Beeren schmeckte köstlich, die Pouletflügeli waren exzellent gewürzt – und der mir dazu empfohlene würzige Primitivo erfreute Kehle und Kopf (Herrgott – ein Glas!). Allerdings war die Portion etwas arg gross …

Da tat ein Verdauungsspaziergang richtig gut! Ich entschied mich, nicht über die grosse Brücke zurück zum Klösterlistutz zu gehen, sondern an der Nydeggkirche vorbei Richtung Untertorbrücke, die offenbar zu den ältesten Brücken Berns zählt. Wohl ungefähr gleich alt dürfte der von mir neu entdeckte Burgweg sein … Obschon ich schwören könnte, dass der zu  meiner Studienzeit nicht dort war!

Als letzte Fitnesseinheit des Tages kraxelte ich die Treppe hoch, zum Zimmer 203, wo ich es mir für die Nacht bequem machte. Was mir besonders gefiel: Kurz nach Mitternacht, als die Gäste aus dem Gartenrestaurant und dem benachbarten Weinhaus verschwunden waren, konnte ich das Fenster öffnen und mich vom Plätschern des Brunnens einlullen lassen. Ich schlief traumhaft – bewacht von Albert. Oder so …

Nach einem sehr liebevoll präsentierten und überaus reichlichen Frühstück verliess ich dieses gastliche Haus und stiefelte Richtung Münster. Spontan bog ich von der Junkerengasse in den Bubenbergrain ein, weil mir in den Sinn kam, dass sich eine Freundin am Vorabend über den Zugang zu den Gärten erkundigt hatte,  die ich von oben fotografiert und auf Facebook geteilt hatte. Ich erinnerte mich, dass ich vor ewigen Zeiten mal in einer Weihnachtsausstellug in einem der Gärten war, aber der Zugang erfolgte damals durch ein Blumengeschäft. Aber vielleicht käme man ja von untern her dazu?

Im Prinzip ja … Wer, statt das Senkeltram zu nehmen, die Treppe hoch zur Münsterplattform kraxelt, sieht zumindest in die Gärten rein – allerdings seien die, wie mir die nette Dame beim Lift erklärte, allesamt privat. Der Stiftsgarten, etwas weiter links, sei aber an bestimmten Tagen öffentlich – allerdings nicht heute. Je nu, einen Blick reinwerfen wollte ich trotzdem. Und hatte Glück: Die Leute, die gerade am Arbeiten waren, liessen mich den Garten entdecken. Ein herrliches Fleckchen Erde, mit wunderbaren Duftpflanzen, Reben, Kräutern, Obstbäumen und Beeren.

 

Da ich mein Kraxel-Soll damit erfüllt hatte (es gibt da kaum Treppengeländer, was für mich beim Runtergehen etwas knifflig sein kann), ging ich zum Mattenlift zurück und liess mich hoch chauffieren. Auf der Münsterplattform herrschte munteres Treiben: Kinder, die spielten; Mütter, die plauderten; Leute, die lernten oder arbeiteten – sogar eine Volkshochsuhlklasse beim Spanisch Lernen traf ich hier an.

Nur wenige Minuten musste ich vor dem Münster warten, bis der freundliche Herr Gerber uns einliess. Da ich mit dem Desinfektionsmittel-Dispenser nicht zurechtkam, wies mich sein Kollege auf das Fusspedal hin. Ich so: «Ah, jetzt geht’s!» Und Herr Gerber so: «In diesem Haus geschehen eben noch Zeichen und Wunder!» Fotografieren ist im Inneren des Münsters leider nicht erlaubt. Schade – denn gerade das wunderbar geschnitzte Chorgestühl hätte ich euch gerne gezeigt. Orgel wurde leider auch jetzt nicht gespielt, aber ich gönnte mir nach der ausgiebigen Besichtigung eine wohltuende Meditation. Auch schön!

Anschliessend mäanderte ich durch die Gassen und landete gegen Mittag in der Nähe des Bahnhofs. Das Wetter war zwar immer noch trocken, aber zunehmend grauer, und so dachte ich, ich könnte ja auch den Zug nach Hause nehmen. Ein Blick in den Fahrplan zeigte mir eine Verbindung kurz nach 12, auf Gleis 6. Was locker reichte, um mir noch einen Kaffee zu holen. So locker, dass auf Gleis 6 noch gar kein  Zug war, als ich aufs Perron kam. Dafür einer auf Gleis 5, Richtung Neuchâtel. Fast leer und entsprechend einladend …

In Neuchâtel entdeckte ich von weitem ein anderes „Münster“, diesmal in Rot: Die Notre Dame de l?assomption. Ich spazierte also gemütlich in deren Richtung und gönnte mir auch da eine Besichtigung und eine Meditation. Sehr berührt haben mich hier die Glasfenster – und ein ebenfalls sehr freundlicher Sigrist.

Für ein verspätetes Picknick-Mittagessen spazierte ich dann weiter zum See, wo mich das sich lauthals ankündende Dampfschiff zu einem weiteren Szenenwechsel verführte, einer Fahr nach Estavayer le Lac. Das Städtchen würde einen ausgiebigeren Besuch verdienen, aber immer dunklere Wolken trieben mich Richtung Bahnhof, wo ich zeitgleich mit den ersten Tropfen eintraf.

Die Rückfahrt mit etlichen Umsteigen verlief ohne besondere Ereignisse. Ich war happy, etwas müde – und stolze Besitzerin von vielen tollen Fotos und noch mehr berührenden Eindrücken.

 

 

 

Ein Gedanke zu „Bern – Neuchâtel – Estavayer au Lac

  1. Bern ist jederzeit sehenswert, was sicher auch auf Neuenburg und die Seegegend zutrifft. Auch ich plane demnächst einen Ausflug Richtung Neuenburg/Chaumont.

    Daddy

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