Kanaren – Azoren, Tag 14: Madeira

Silvester in Funchal

Ich bin noch früher als sonst an Deck – und werde mit einem atemberaubenden Blick auf Funchal belohnt. An der Reling treffe ich den Küchenchef des Sélections, den ich bei der Küchenführung kennengelernt habe, und frage ihn, ob man sich eigentlich jemals an so was gewöhnt? Er strahlt mich an und sagt: „Ich hoffe nicht!“

Ich hole mir einen Kaffee in der Anytime-Bar, spaziere etwas herum und bewundere die Tausende von Lichtern, die sich vor mir ausbreiten: Die Bucht ist gross, steigt steil an und ist bis weit oben dicht besiedelt. Wunderschön!

Ich gehe frühstücken und mache mich parat für meinen letzten Ausflug, eine Wanderung entlang einer der berühmten Levadas von Madeira. Der Passat presst die Regenwolken gegen die Insel, wo sie ausregnen. Die Wasserkanäle, die ähnlich gebaut sind wie jene bei uns im Wallis, sammeln das Wasser und bringen es auf die trockene Seite der Insel. Damit die einzelnen Nevadas gut durchgespült werden (da fällt ja auch viel Laub etc. rein) werden sie in der Regel im Wochenwechsel freigeschaltet. Die erste Nevada wurde bereits 1480 fertig gestellt, die längste soll 100 km lang sein. Ich habe Bilder gesehen, auf denen sich Wanderer auf extrem schmalen Bändern neben den Levadas fortbewegen, eng an den Felsen gedrückt, und bin etwas beunruhigt: Das sieht so schmal aus, dass ich den Stock nicht würde zu Hilfe nehmen können.

Unser lokaler Reiseleiter nimmt mir die Angst sofort: „Unsere“ Levada zählt zu den einfachen und ist von Menschen zwischen 8 und 88 begehbar. Das Wetter: Überraschend warm, wunderbar sonnig und windstill, auch auf 700 m über Meer, dem Ausgangspunkt der Wanderung. Normal wären um diese Jahreszeit Temperaturen um 15 Grad, Nebel und Nieselregen, mit relativ kräftigen Passatwinden.  Der Weg ist denn auch leicht feucht, aber nicht rutschig, recht breit und gut gepflegt, so dass ich problemlos auf den Stock verzichten kann.

Natürlich ist auch hier Winter – aber eben auf Madeira-Art: Da blühen zwar etwas weniger Blumen als sonst, aber wir kriegen dennoch einiges zu sehen: Callas, Bougainville, Aloe Vera, wilder Fenchel (Namensgeber von Funchal), Obst, Gemüse, Eukalyptusbäume. Mein persönliches Highlight: Ein blühender und Früchte tragender Philodendron. Und ja, so habe ich auch geschaut! Was bei uns als Grünpflanze im Treppenhaus oder so vor sich hinserbelt, kann mehrere Meter gross werden und Früchte tragen. Und die sind essbar – und sehr fein!

Ungefähr auf halber Strecke machen wir einen Toilettenstopp und können Kaffee trinken. Ich gönne mir dazu ein Stück Kastanienbrot, das im Geschmack etwas an Lebkuchen erinnert, und kaufe vom Bauern um die Ecke 4 wilde Tomaten – als Dank, weil ich bei ihm die Philo probieren durfte.  Unser Reiseleiter macht uns auf weitere Pflanzen aufmerksam, erklärt aber auch einiges über die Lebensweise der Menschen hier oben am Berg:

Viele Häuser sind nur zu Fuss erreichbar. Die Strassen enden oft etliche hundert Meter weiter weg, und alles, was die Leute benötigen (und das beginnt naturgemäss bereits beim Bau der Häuser), muss da hochgeschleppt werden. Einmal die Woche, am Sonntag, gehen fast alle Menschen ins Tal, zur Kirche; und danach wird eingekauft – weswegen hier die Markthalle und die meisten Geschäfte am Sonntag bis 14 Uhr geöffnet sind. Früchte, Gemüse und Kräuter werden rund ums Haus angebaut. Einige Leute arbeiten in Funchal und fahren täglich runter. Primarschulen gibt’s in jeder Gemeinde, aber je nach dem, wie weit abgelegen jemand wohnt, kann ein Kind da jeden Tag mehrere Kilometer zurücklegen. Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt bei rund 600 Euro. Reich seien die Leute hier nicht – aber Hungern müsse hier nie jemand, und die Leute seien sehr gastfreundlich. Das glaube ich sofort, denn wenn immer wir jemandem begegnen, grüssen die Leute freundlich, und vor Häusern oder Kneipen sitzen Gruppen beieinander und geniessen den Sonntag.

Am Ziel der Wanderung wartet bereits unser Bus und fährt mit uns zu einem Aussichtspunkt. In einer Kneipe, neben einer Korbflechterei, dürfen wir Poncha probieren, das fruchtig-säuerliche, hochprozentige Nationalgetränk. In der Korbflechterei gibt es natürlich jede Menge Souvenirs, aber auch einige der bekannten Korbschlitten. Diese wurden seinerzeit von einem Geschäftsmann erfunden, der den Weg von Monte hinunter nach Funchal als zu beschwerlich befand – und entwickelten sich zu einer beliebten Touristenattraktion. Heute fährt eine Seilbahn, und wenn wir hier länger geblieben wären, hätte ich das gerne ausprobiert. Aber da wir um 15 Uhr wieder an Bord sein mussten, war mir das zu riskant. Ich stieg zwar noch in der Stadt aus, statt direkt zur AidaVita zurückzufahren, und bummelte  noch etwas durch die Gassen, aber weiter weg traute ich mich nicht.

Auffallend waren hier wunderschöne Türen: Mal bemalt, mal mit Blumen verziert oder zum Kunstobjekt verfremdet. Offenbar gab es hier ein Projekt zur Belebung der Altstadt – und einige Resultate sind wirklich sehr eindrücklich!

Zurück an Bord stürzte ich mich ins Bade- und Strandkleid und legte mich an Deck: Das Wetter war so warm, dass ich kurz erwog, ins Schwimmbecken zu steigen, das am Morgen wieder gefüllt worden war (wegen der Schaukelei bei den viereinhalb Meter hohen Wellen hatten die das geleert). Das Quieken eines Mädchens, das es versuchte, liess mich das Vorhaben aber vergessen. Stattdessen döste ich und las einen weiteren Krimi. Um 15.30 erhielten wir Sekt in schillernden Fahrten und starteten zu einer Panoramafahrt entlang der Küste:

Da hier für Silvester mehr als ein Dutzend Kreuzfahrtschiffe angemeldet waren, hatten wir tagsüber Gastrecht am Pier einer Fähre, und die sollte nun zurückkehren. Theoretisch hätten wir auch Wale und Delfine sehen können, aber ich sah nur Möwen. Und natürlich wunderbare Landschaften, zu denen der Bordlektor die eine oder andere Geschichte zu erzählen wusste. Und wir fuhren am Reids vorbei, über das ich vor Jahren für World Class schreiben durfte.

Kurz nach Fünf zog ich mich um: Motto für den Jahreswechsel war Rock’n’Roll – 50er und 60er Jahre – wie an meinem 55. Da man mir das kurz vor der Abreise mitteilte, konnte ich meinen All-Star-Petticoat mitnehmen und mich entsprechend aufbretzeln.

Zum Znacht war ich mit Rosette verabredet, und wir liessen uns verwöhnen. Allerdings hatten wir dann beide das Bedürfnis, uns noch etwas zurückzuziehen, und so verabredeten wir uns für Halbzwölf vor der Anytime-Bar. Rosette wollte Sekt besorgen, als Dankeschön für den Ausflug, den ich ihr überlassen hatte.

Ich verschwand erst noch etwas in der Kabine, bearbeitete Fotos und postet ein paar Grüsse, aber dann ging ich wieder nach oben und genoss die zauberhafte Stimmung: Zusätzlich zu den Lichtern in der Bucht kamen nun noch jene von den Schiffen, die uns umgaben. Die Musik spielte bekannte Melodien, und ich tanzte sogar ein wenig 🙂

Um halb elf holte ich mir einen Kaffee – und stolperte über Rosette, die auch wieder munter war. So verbrachten wir die restliche Zeit gemeinsam, spazierend und plaudernd an Deck, bis zum Jahreswechsel und dem anschliessenden Feuerwerk. Und ich sage euch: So was habe ich noch nie gesehen!

AidaPima, die grosse Schwester der AidaVita, hat das Ganze aufgezeichnet – hier, seht selber:

Gerne hätte ich noch mit Katrin und Robert, „meinen“ FotografInnen angestossen, aber die hatte ich im Gewusel verloren. Dafür konnte ich noch ein paar Bilder des Mitternachtsbuffets schiessen, bevor ich mich dann zu Ruhe begab und – inzwischen wieder leise schaukelnd, da wir uns bereits wieder Richtung Kanaren bewegen – einschlief.

 

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2 Gedanken zu „Kanaren – Azoren, Tag 14: Madeira

  1. Hallo Lovey,
    herzlichen Dank für die Videos mit OriginalTon. Tönt doch viel authentischer und lässt die Daheimgebliebenen hautnah an Deinen Erlebnissen teilhaben.
    Gute Heimreise und einen abwechslungsreichen Start in das Neue Jahr.
    mvG Kronenrolf

  2. Hallo Schnüff,
    Ja, auch ich habe meine Erinnerungen an Madeira. Ich kenne aber nur den Flughafen besonders, den Seehafen habe ich nur kurz aus der Ferne betrachtet. Auch die Levadas habe ich noch in bester Erinnerung, hing mein Leben nach einem Sturz auf engem Pfad buchstäblich an den Dornen eines Strauches. Unvergesslich aber die Blumenpracht.
    Dir noch einl gutes neues Jahr und schöne Heimkehr.
    Daddy

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